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Jan Exner

11. Dezember 2012

Berichte aus England - Der Rest von Hamburg - Manchester, UK

Der Rest von Hamburg - Manchester, UK 11. Dezember 2012

Als Max Buddenbohm anfing, bei Der Rest von Hamburg auch Orte außerhalb Hamburgs zu listen, wollte ich als Ex-Hamburger natürlich mitmachen!

Gleich vorweg: Ich bin kein richtiger Hamburger, sondern ein zugereister und das auch nur am Rande. Geboren bin ich in Hessen, dann aber mit 7 Jahren nach Hamburg umgezogen, weil mein Vater dort einen Job fand. Und mit Hamburg meine ich in meinem Fall Bergedorf.

Meine gesamte Sozialisation fand in Bergedorf statt, ich wohnte dort bis nach dem Zivildienst, damals noch 20 Monate lang, also bis ich fast 21 war. Ja ja, habe auch ein wenig Pause gemacht und gearbeitet. 1990 schickte mich die ZvS nach Karlsruhe, wo ich Inormatik studierte und die Vorteile eines Lebens "draußen" kennenlernte. Davon war ich durchaus beeindruckt. Baggerseen, leichte Kleidung, alles in Fahrradreichweite, barfuß überall hin. War schön.

1999 mußte ich dann weit weg (von einer Frau) und zog zwei Freunden hinterher an die Côte d'Azur. Das war auch schön, und vor allem sehr warm und noch mehr draußen als Karlsruhe. Interessant war auch, wie viel Besuch ich dort bekam. Lag sicher an mir.

Anyway, 2001 ging die Startup pleite, für die ich gearbeitet hatte, und Ende 2003 mußte ich zugeben, daß mein Versuch etwas eigenes zu machen nicht hinhauen dürfte. Und das Geld wurde knapp. Ich hatte inzwischen geheiratet und meine Liebste war im Januar 2004 mit dem PhD fertig. Die Frage: Wer würde zuerst einen Job finden? Und wo? Am Ende gewann ich und wir zogen im Februar 2004 nach Manchester. So.

Manchester ist wie Hamburg

Ich kann mich sehr gut daran erinnern, daß sich dieser Umzug für mich sehr nach "nach Hause kommen" anfühlte. Für meine Frau, die aus Algerien kommt, war es eher das Gegenteil. Ich glaube, das Gefühl kam erstens vom Wetter, wir hatten "dauernd tierisch heiß und ab und zu Regen" gegen "dauernd Regen und so richtig warm wird's hier auch nicht" getauscht, vielleicht steckte mir das noch aus Hamburg in den Knochen.

Dazu kam aber sicher auch der Unterschied zwischen Franzosen und Engländern (Nordengländern, eigentlich), was das Sozialverhalten angeht.

Ich habe mich in den 6.5 Jahren in Frankreich nie daran gewöhnen können, wie normal es dort ist, den eigenen Vorteil ganz nach vorn zu stellen, meist ohne Rücksicht auf Verluste. Man vergleiche Supermärkte in Frankreich mit ihren Eingangsschleusen und Wachpersonal mit denen im UK, in denen der Eingangsbereich in erster Linie offen und einladend aussieht. Mir ist es immer schwergefallen, Anwohnern an der Côte d'Azur zu vertrauen. Das beliebte Beispiel ist der Automechaniker, aber es gilt wirklich für Alle dort. Natürlich sind im UK auch nicht alle Gutmenschen, aber der Trend ist schon klar zu sehen.

Und so fühle ich mich hier recht wohl, und meine Frau findet es nett aber ungewöhnlich.

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Jetzt ist es auch an der Zeit für ein Geständnis: Wir wohnen gar nicht in Manchester. Ich kann Manchester von hier aus zwar sehen: Es liegt hinter der Bahnlinie, die hinter den Bäumen hinten im Bild verläuft. Wir hingegen wohnen in Heald Green, Teil von Cheadle das wiederum Teil von Stockport ist. Wir gehören zu Greater Manchester.

Wir wohnen etwa 1.5km Luftlinie entfernt vom Flughafen Manchester International, zweitgrößter internationaler Flughafen in GB neben denen um London, schön gleich neben der Einflugschneise. Stört uns aber nicht mehr.

Die Einwohner in Heald Green kennen sich überdurchschnittlich gut mit Flugzeugen aus, unabhängig von Alter und technischer Grundbildung. Alle wissen, daß der fette Brummer der um die Mittagszeit landet und für Emirates fliegt ein Airbus A380 ist. Alle erinnern sich daran, wie die Boeing 747 der PIA sehr, sehr, sehr niedrig über uns hinweg starteten, als sie noch in Europa fliegen durften. Und alle schwärmen von der Zeit, in der wegen Eyjafjallajökulls Staubwolke kein Flugverkehr war und man Vögel zwitschern hörte, ohne Unterbrechung alle zweieinhalb Minuten.

Heald Green ist klein und beschaulich.

Wir haben eine Durchgangsstraße, Finney Lane, notorisch überlastet und gleichzeitig Einkaufsstraße, oder High Street, wie man hier sagt. Die Planungen für eine Umgehung laufen seit über 20 Jahren und seit wir hier wohnen sieht es dauernd so aus, als würde sie jetzt doch endlich nächstes Jahr gebaut.

Wir haben 2 Indische und ein Türkisches Restaurant, 3 Chinesische und einen Zypriotischen Takeaway. Wir haben zwei kleine Supermärkte, 2 Banken und 3 Estate Agents. Eine der Banken wurde schon dreimal überfallen, seit wir hier wohnen. Jedesmal wurde das (geklaute) Fluchtauto in Wythenshawe gefunden, Europas größter Sozialbausiedlung. Das liegt nebenan, nördlich des Flughafens.

Wir haben ein Bräunungsstudio, drei Frisöre, einen Barbershop, 3 Kramsläden und sogar zwei Postfilialen! Oh, und 2 Blumenläden, einen Indischen Laden, Newsagents, einen großen Supermarkt und einen John Lewis (sowas wie Karstadt). Wir haben einen Schlachter und Bargain Booze, gleich neben dem Indischen Laden in dem die Moslems einkaufen. Gnihihi. Außerdem haben wir mehr als 4 Kirchen und eine Moschee. Wir haben einen Badewannenladen (wie nennt man sowas? Sanitärfachgeschäft?) und sogar einen Laden, der Musikinstrumente verkauft. Wir haben natürlich auch mehrere Fitnessstudios, davon eins mit Schwimmbad, Tennis und Luxus.

Es gibt in Heald Green ein paar Hotels, klar, Flughafen. Es gibt 3 oder 4 Kindergärten ("pre school", von 2 Jahren und 9 Monaten bis 4 Jahre) und 4 Grundschulen ("primary school", von 4 bis 10 Jahren). Eine höhere Schule gibt es hier nicht, da müssen die Kinder mit dem Bus fahren. Wir haben ein paar Busse und sogar eine Eisenbahnhaltestelle. Kann man prima nach Manchester rein fahren, oder zum Flughafen.

Hauptsache Billig


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Heald Green sieht aus wie überall im UK: voller roter Backsteindoppelhäuser.

Als wir ankamen, waren wir überrascht wie wichtig es für Briten ist, "ein eigenes Haus" zu haben. Damit meinen sie, daß sie statt Miete lieber Geld an Banken zahlen und dauernd an ihrem Haus an- oder umbauen.

Wir haben uns lange gewehrt, sind aber 2011 dem Ruf gefolgt und tun nun das gleiche.

Wer von Euch mietet: Hört nicht auf Leute die sagen kaufen sei billiger. Totaler Unsinn. Sobald man "ein Haus hat", steckt man Unmengen an Kohle in scheinbar wichtige Veränderungen, ohne die man vermutlich auch nicht unglücklich gewesen wäre. Total bescheuert.

Nach ein paar Jahren verkauft man dann sein Haus, kauft ein neues (größer!) und fängt wieder von vorn an.

Weil es Bedarf für günstige Häuser gab, wurden die typischen "3 bed semis" (also Doppelhaushälften mit 3 Schlafzimmern) mit den Jahren einfach immer kleiner gebaut. Ein Haus von 1910 ist gerne doppelt so groß wie eins von 1990. Beide werden aber als "3 bed semi" angeboten. In den Anzeigen sieht man auch nie Quadratmeterangaben, oft werden aber die Maße der Zimmer angegeben.

Für Deutsche überraschend allgegenwärtig: Im UK wird alles immer so billig wie möglich gemacht. Türen zum Beispiel haben nicht unbedingt Klinken, sondern oft nur so Drehklicker. Wenn ein Straßenbelag kaputt ist, wird er lokal repariert, d.h. eine kleine Fläche wird einfach kurz drüberasphaltiert. Unsere Telefonleitungen hängen von Holzpfählen auf der Straße.

Unsere Bekannten sind voller Lob für "german engineering". Deutsche Autos stehen hoch im Kurs (direkt nach den meisten Japanischen), Britische eher nicht so ("oh, you can't leave the Rover outside when it rains!"). Ausnahmen (z.B. alles was Mr Dyson macht) bestätigen die Regel. Irgendetwas "richtig" machen ist also hoch angesehen, wird aber im Zweifelsfall nicht gemacht, weil ist ja teurer.

Die Infrastruktur ist auch überraschend drittweltlerisch. Stromausfälle (auch mal einen Tag lang), Wasserrohrbrüche (üblich), holprige Straßen (überall), wenige Busse, lange Wartezeiten in Krankenhäusern (außer man stirbt sonst), so Sachen halt.

Hier ein Foto unseres Waschbeckens:

med_rvh_waschbecken.jpg

Da sieht man sofort, was ich meine. Mixertaps sind teurer, also macht man kalt und warm separat. Man kann sich beim Händewaschen aussuchen, ob man sich verbrennen möchte oder Gefrierbrand holen.

Grob gesagt ist der Lebensstandard einer Familie hier im UK etwa auf dem selben Level wie der eines Studenten in Deutschland, jedenfalls was Immobilien und Infrastruktur angeht.

Das wollte ich nur kurz mit auf den Weg geben.
Jan

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