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Jan Exner

10. April 1998

Berichte aus England - Wetter, Ausgehen, Arbeit, Villa und Franzosen

Wetter, Ausgehen, Arbeit, Villa und Franzosen 10. April 1998

Hi,

es ist wieder soweit: Zeit für den zweiten Reisebericht.

1. Das Wetter

Zum Wetter muß ich leider sagen, daß es im Vorfeld von den eingesessenen Côte'rn viel zu rosig dargestellt wurde. In meinen 10 Tagen hier gab es gerade mal drei Tage mit Sonne, und ich habe sogar schon an mehreren Tagen Socken getragen! Es regnet verblüffend oft und ziemlich ausdauernd, und wenn es gerade mal nicht regnet, dann nur deshalb, weil sich die Wolken für den nächsten Hagelschauer sammeln. Wenn ich paranoid wäre, würde ich behaupten, da will mich jemand loswerden.

2. Abends weggehen

Eine alte Tradition besagt, daß man in der ersten Woche mindestens "ganz oft" abends nach Nice fahren muß, um sich dort zu betrinken, Bingo zu spielen, zu singen oder sonst irgendwie lustig zu sein. Der Haken an der Sache ist, daß es offenbar der Tradition zufolge immer der Neuling ist, der dann auch noch fahren muß, und die Strecke von/nach Nice ist echt bescheuert zu fahren. Einerseits kann man mehrere Schnellstraßen lang tierisch losbrettern, andererseits ist gerade in der Mitte die Versuchsstrecke "40km/h durch total beknackte Ampelschaltung" eingebaut, bei der man irgendwann nach der 14ten Ampel echt keinen Bock mehr hat, und halt bei rot durchfährt, wie die Franzosen das auch machen. Wer sich jetzt denkt "kann der nicht einfach 40 fahren?", der möge das mal probieren, das ist gar nicht so einfach, besonders nachts um 3 (Nice hat Sperrstunde! Um 2 ist da tatsächlich Sense, und dann fahren ganz viele R5 und Peugeot 205 und was hier sonst noch so an Kleinwagen rumdaddelt ganz schnell nach Hause.) im Halbschlaf.

3. Arbeit

Punkt 3 ist mit Punkt 2 eng verknüpft, ist ja klar. In meinem Alter kann man eben nicht immer bis drei wach sein und trotzdem um 8 arbeiten :-) Für die Franzosen ist aber das Feiern ein wichtiger Bestandteil des Lebens, also haben sie lange überlegt und dann die Lösung des Problems gefunden: Sie fangen erst um 11 an. Das kommt auch bei den Deutschen hier sehr gut an und den Schlafgewohnheiten von uns Ex-Lotter-Studenten entgegen, mit dem einzigen Unterschied, daß die Franzosen trotzdem um 6 den Griffel fallen lassen, wohingegen wir Deutschen immer bis 10 hier sind. Ils sont foux, les Allemandes. Hat aber den Vorteil, daß man gleich wieder nach Nice fahren und feiern kann.

4. Wohnung, oder besser: Villa

Gleich bei meiner Ankunft fiel das wichtigste Utensil einer modernen Küche dem Alter zum Opfer, die Spülmaschine. Unsere Au-Pairs weigerten sich ebenfalls standhaft, für sauberes Geschirr zu sorgen, sodaß wir also heute bei Carrefour eine neue kaufen werden. Die Franzosen haben, ihrer netten Mentalität folgend, die Angewohnheit, wichtige Geräte zu völlig absurden Preisen in Supermärkten zu verkaufen, wenn man denn einen Laden mit der Größe der Karlsruher Mensa und Verkäuferinnen auf Rollschuhen mit Walky-Talkies Supermarkt nennen darf, in diesem Fall konnten wir tatsächlich eine nagelneue Spülmaschine für schlappe 2000FF (600DM oder 300E) finden. Das Jahr ist gerettet und angeliefert wird sie auch noch, die nehmen sogar die alte Maschine mit. Toll. Die Freude über die neue Maschine läßt uns sogar die fehlenden Heizkörper vergessen, und die Tatsache, daß Handtücher ca. 3-4 Tage zum Trocknen brauchen, verblaßt plötzlich zu einer klitzekleinen Ungereimtheit. Frankreich ist schön.

5. Franzosen

In Frankreich leben ja relativ viele Franzosen, und die Franzosen sind nicht ganz dicht. Das war ja eh klar, aber ich denke, ich weiß jetzt auch ungefähr, wie das zustande kommt. Eigentlich wollen die Franzosen möglichst wenig mit den Amerikanern zu tun haben, und nutzen jede Gelegenheit, sich zu distanzieren oder über die Amis zu meckern. Tief in ihrem Wesen jedoch sind die Franzosen die besseren Amerikaner. Das fängt beim Straßenbau an (Der amerikanischen Tradition folgend, daß Platz kein Thema ist, und daß die Straßen möglichst breit und bequem sein sollten, werden auch schonmal zwei oder mehr unabhängige Straßen in der gleichen Richtung einfach nebeneinander gebaut, wenn sich herausstellt, daß eine nicht reicht, oder wenn einfach jemand Lust hat, noch eine zu bauen. Das in Frankreich Platz manchmal doch ein Thema sein kann, stört Niemanden.), fällt beim Einkaufsverhalten besonders auf (Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich beim Frankreichaustausch von Mammouth in Le Mans begeistert war, aber gegen den Carrefour in Antibes war der echt ein Tante-Emma-Laden. Der Carrefour hat nicht nur ca. 80 Kassen und eine Grundfläche wie mehrere Fußballplätze, sondern neben den schon erwähnten Rollschuhläufern auch noch eine eigene Sicherheitstruppe und an Konsumgütern einfach alles. Außer vielleicht weißen Eiern, aber dazu siehe Punkt 6) und endet nicht bei der stolzen Mentalität (Ich _hasse_ diese ganzen eingefranzösischten Ausdrücke in der Informatik. Der Abkürzungsfimmel geht dagegen ja noch (Schon gewußt? "K7" = Kassette)). Um es mit einem bekannten Zitat zu sagen: Nur Napoleon konnte nach China gehen.

6. Specials

Die Franzosen haben keine ordentlichen Osterbräuche. Um den armen Franzosen also auch mal was zu gönnen, werden wir am Samstag das traditionelle Ostereier-Verteilen in Nice angehen. Die Problematik dabei liegt in der Beschaffung färbungsgünstiger Eier. Man bekommt in Frankreich keine weißen Eier mehr, dabei sollten doch gerade die Franzosen wissen, daß das Auge mit ißt. Zum Glück haben wir ja zwei Au-Pairs, denen heute aufgetragen ist, im Laufe des Tages 60 weiße Eier aufzutreiben, damit wir sie heute abend färben können (eine weitere in Frankreich gänzlich unbekannte Tradition, die gehütet und verbreitet sein will). Die eigentliche Verteilung soll dann in Nice am Strand stattfinden, und vermutlich werden auch in diesem Jahr wieder viele vollkommen erstaunte Franzosen mit bunten Eiern in der Hand durch Nice irren und nicht wissen, was das alles jetzt eigentlich soll.

Nachtrag zu 1. Wetter

Eurécom liegt wirklich perfekt am Berghang. Man bekommt hier jedes Gewitter quasi "von innen" mit, jedenfalls sieht es so aus (moment, mal Licht anmachen...ok). Die Sichtverhältnisse schwanken extrem. Vor 10 Minuten konnte ich noch das Meer sehen, jetzt reicht es gerade bis zu den Häusern am Hang gegenüber. Daß das Wetter hier nicht ganz normal ist, kann man auch an den Bergen hinter Nice sehen, an denen die Schneegrenze seit einigen Tagen immer weiter sinkt. April halt.

7. Tschüß

Das war's, ich muß jetzt wohl mal arbeiten. Bis zum nächsten Mal und schöne Ostern,
Jan

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Wertung: 3.1/5

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