Ein Konto eröffnen, erster Versuch 29. April 1998
Gestern abend habe ich zu meiner großen Enttäuschung feststellen müssen, daß es die beliebten Steine bei Carrefour nicht mehr gibt. Da haben wir ja gerade nochmal Glück gehabt, und ich kann ganz spontan fragen: Ulla, Lolker, Rothi, wo sind im Moment Eure Steine?
Naja. Heute scheint ein Scheißtag zu sein, denn nachdem das Netz hier bei Eurécom (angeblich wegen einer Hacker-Attacke, Spannung, Grusel...) den ganzen Tag mehr oder weniger unbrauchbar war, kann man seit ein paar halben Stunden endlich wieder arbeiten. Das nutze ich natürlich sehr gerne, um mich von eben dieser Tätigkeit abzulenken, und mal zu beschreiben, wie man in Frankreich ein Konto einrichtet.
Frankreich, Côte d'Azur, Antibes. Ein kleiner Platz im Zentrum des Ortes mit völlig absurd umgeleitetem Verkehr (Man kann den Platz nicht umfahren), direkt an der Ecke einer Seitenstraße, eine Filiale der Crédit Agricole, Partnerbank der Commerzbank und mir von letzterer empfohlen.
Mittwoch, 29. April 1998, gegen 11 Uhr Standardzeit.
Zum Zeitpunkt der Handlung fährt unser Held mit dem von Papa geerbten Wagen in den völlig vermackelten Kreisverkehr um den Platz ein, zumindest nimmt er das an, bis er merkt, daß das kein Kreisverkehr ist. Er parkt am gegenüberliegenden Ende des Platzes und macht sich zu Fuß auf den beschwerlichen Weg zum eigenen Konto.
Wenige Minuten später, nachdem er den Platz, die zwei Penner und einen Großteil der namenlosen Passanten passiert hat, fast von einem Bus überfahren wurde und um ein Haar an der in Frankreich üblichen Bankeingangsmechanik gescheitert ist (die sind vielleicht paranoid! Da muß man erstens immer einzeln rein, und zwar durch ein Doppeltür-System, bei dem sich die innere nur öffnet, wenn die äußere zu ist, und zweitens muß man innerhalb der Schleuse auch noch hinter einer hauchzart am Boden angedeuteten Linie stehenbleiben, weil sonst überhaupt nichts passiert. Die spinnen, die Franzosen), betritt unser Held die Bank.
Die Dame am Empfang, die offenbar mit dem linken Fuß aufgestanden ist, telefoniert und macht dabei ein sehr grimmiges Gesicht. Unser Held beschließt, den in deutschen Banken üblichen Abläufen folgend, einfach an der Dame vorbeizuschlendern und sich direkt an eine Beraterin oder einen Berater zu wenden. Dieses Vorhaben gibt er nur wenige Sekunden später in Ermangelung eines Ansprechpartners wieder auf. Die Angestellten dieser Filiale der Crédit Agricole sitzen alle in eigenen Glaskästen und lassen einen nicht rein. Toll.
Unser Held ist genervt und wendet sich schließlich doch an die mindestens ebenso genervte Empfangsdame. Die Empfangsdame telefoniert zunächst in Ruhe zuende, hört sich dann die vorsichtig vorgetragene Frage nach der Vorgehensweise beim Eröffnen eines Kontos an, und sagt dann irgendwas unfreundliches, in dem das Wort "difficile" vorkommt.
Leider ist unser Held nicht in der Lage, die eigentliche Bedeutung dieses Ausspruchs ("Gehen Sie weg.") zu deuten, und so findet er sich nach einer Minute im Büro des jungen männlichen Angestellten wieder, der für seinen Geschmack etwas zu schnell ist, und auch während der Beratung mehrfach den Glaskasten mit ungewissem Ziel verläßt.
Dieser Mitarbeiter läßt sich zunächst die Problematik erklären (nicht ohne vorher noch schnell zu Ende telefoniert zu haben), zuckt bei dem Wort "Carte Bleu" kurz mit den Augenbrauen (Hab ich das erzählt? Man kann hier nicht mit Kreditkarten tanken, auch wenn VISA auf der Säule steht. Frankreichfahrer, schmeißt eure Kreditkarten weg, die Franzosen haben was besseres: Die Carte Bleu. Mit Chip drin und daher garantiert inkompatibel zu allen anderen Systemen weltweit. Deswegen haben Master und Visa einfach ihre Logos mit draufgemacht, wie bei uns bei der Bahncard. Wenn also in Frankreich irgendwo VISA steht, heißt das eigentlich "Auf Ihrer CB darf gerne VISA stehen". Hatten wir schon? Macht nix.), fragt nach solch unwichtigen Dingen wie Einkommen, Arbeitsplatz und Name, rennt mehrfach raus und rein, sieht interessiert auf Portemonnaie und Telefon unseres Helden und sagt dann nach etwa fünf Minuten: "Tut mir Leid, es ist nach 11, heute können wir das nicht mehr machen."
Die französischen Banken sind das ultimative Gegenargument, wenn mal wieder jemand von der "Service-Wüste Deutschland" spricht. Schickt solche Leute zu mir, ich werde es vorführen!
Na, jedenfalls habe ich jetzt morgen um 10 einen Termin (Termin! Zum Konto eröffnen, muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen), mir wurde ein anderer namenloser Mitarbeiter in einem anderen Kabuff gezeigt, der angeblich morgen alles regeln kann, und ich bin mal sehr gespannt, wie oft ich da wohl noch hin muß, bis das klappt. Außerdem regnet es seit zwei Stunden. Scheiße.
Diesmal nicht so ganz frohe
Grüße,
Jan
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