Projekt Wetterfrosch 8. Juni 1998
Frage: Kann man in Frankreich ohne
Französisch durchkommen?
Radio Eriwan: Im Prinzip nein.
Leider ist die Schulzeit der meisten Frankreichfahrer schon eine Weile her, man trifft eher selten in heimischen Gefilden auf Franzosen, und wenn doch, begegnet man ihnen gerne so, wie sie es auch machen würden: Man versteht sie nicht, und sei es mit Absicht. So sind also die Franzosen gezwungen, Deutsch zu lernen, bevor sie nach Deutschland fahren, oder zumindest Englisch, was bei uns Deutschen mal mindestens genau so gut ankommt, weil es sich einfach zum Schreien komisch anhört (Da fragt man auch gerne nochmal nach, gnihihi). Damit meinen geneigten Lesern ähnlich beschämende Situationen erspart bleiben, möchte ich kurz eine Liste der wichtigsten Wörter und Phrasen vortragen, die mithilfe einiger Helfer in den letzten Tagen entstanden ist. Besonders hervorgetan hat sich bei der Auflistung von Wörtern Hugi, insbesondere wegen der Übersetzungen ins Süddeutsche, die ich hier aber aus Rücksicht auf die Nerven der Fischköppe lieber weglasse. Beginnen wir also mit einer völlig planlosen und willkürlichen Reise durch die erstaunlichen Weiten französischen Trivialwortschatzes:
Mit diesen Schnipseln und den wichtigen Phrasen "Je ne sais pas" (Gesprochen wie "Schäpa", Betonung auf zweiter Silbe, "Ich weiß nicht"), "Pourquoi?" ("Purkwa", "Warum?") und "Je m'en fou" ("Schemonfuh", "Mir doch egal") kann man bereits an überraschend komplexen Diskussionen teilnehmen, wenn man darauf achtet, niemals erkennen zu lassen, daß man kein Wort versteht und ein wenig würfelt (z.B. "Ba, je m'en fou, quoi" oder "Alors öh, pourquoi?").
Doch nun endlich zum Projekt 'Wetterfrosch', welches ja eigentlich Thema dieses Berichtes sein sollte. Ich hatte ja schon des Öfteren erwähnt, daß wir hier abends von einem heftigen und andauernden Konzert von Froschgesängen in den Schlaf gelullt werden, aber bisher hatte sich noch niemand die Mühe gemacht, über Beschimpfungen und Mordgedanken hinaus Forschung in Sachen "Frosch" zu betreiben, bis gestern folgende Geschichte auf der Terasse unserer Villa begann:
Ich sitze da so und lese in meinem aktuellen Buch, welches in erster Linie durch absurde Wechsel der Erzählebene sowie dauernde Kontextwechsel auffällt, mit Einwürfen und Nebenhandlungen um sich wirft und alle Begebenheiten mindestens zweimal schildert (was auch gut ist, weil man sie sonst nicht verstehen könnte) und auf den Namen "Der zweite Tod des Ramón Mercader" hört, als plötzlich neben mir im Gebüsch etwas raschelt. Das ist erstmal nicht ungewöhnlich, weil in Südfrankreich eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt die Gärten bevölkert, aber in diesem Fall sehe ich aus dem Augenwinkel eben noch, wie sich ein Froschschenkel hinter einem Blatt meinen Blicken entzieht. Ich habe sofort das Abendkonzert vor Augen und plane also, den Frosch zumindest mal genau anzusehen, um den Feind kennenzulernen, gehe also um den Busch herum und erblicke dann insgesamt vier Frösche, die friedlich und ruhig auf Blättern hocken, als hätten sie nichts zu tun. Sofort lege ich mein Buch, das wirklich ziemlich abgefahren geschrieben ist und auf den ersten hundert Seiten den Leser stark strapaziert, durch die interessante Handlung aus dem Agenten-Milieu allerdings andererseits auch fesselt, gerade wegen der oftmals doppelt oder mehrfach vorkommenden Beschreibungen der Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln, die zu überraschenden Parallelen und Verknüpfungen der Handlungsstränge führen, beiseite, nehme mir eine Super-Soaker, rufe die Anwesenden zusammen und wir eröffnen nach kurzer Taktik-Diskussion das Feuer auf die Frösche. Laubfrösche sind erstaunlich hartnäckig. Sie machen noch nichtmal die Augen zu, wenn man sie naßmacht, und erst durch direkten und andauernden Beschuß lassen sie sich schließlich dazu bewegen, von ihren Blättern zu verschwinden, womit das Spektakel fast beendet ist.
Fast beendet, denn wenige Minuten später sitzen drei der vier schon wieder an ihren Plätzen. Diese Provokation kann man als aufrechter Mensch natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Wir schmieden Pläne und die Lektüre meines ausgezeichneten, wenn auch etwas kompliziert geschriebenen Buches, in dem auch durchaus ein Kapitel mal mitten im Satz endet, um einem anderen Platz zu machen und später wieder aufgegriffen zu werden, muß erstmal auf Eis gelegt werden. Wir beschließen, einen Frosch zu fangen und mal zu testen, ob die Viecher wirklich als Wetterstation taugen. Damit dem armen kleinen Frosch dabei nichts zustößt, werden wir selbstverständlich streng wissenschaftlich arbeiten und keine Sicherheitsvorkehrungen, Mühen und Kosten scheuen.
Die zunächst als Gefäß vorgesehene ehemalige Kaffeekanne erweist sich als Flop, sodaß wir auf ein großes Einmachglas ausweichen, das zudem auch einen eigenen Deckel mitbringt. Die Orientierung des Glases ist, anders als bei der Kaffeekanne, die auf dem Kopf besser funktioniert, weil sie so eine merkwürdige Form hat, und meinem Buch, welches auf der aufgeschlagenen Seite liegend nicht von allein zuklappen kann, eine sehr beruhigende Tatsache angesichts des interessanten Stils, der es mir vermutlich schwermachen würde, die zuletzt gelesene Seite zweifelsfrei zu identifizieren (besonders nach dem zuletzt gelesenen Kapitel, welches wie ein Stack (für die Nicht-Informatiker: Das Kapitel beginnt mit der Beschreibung einer Frau, die ihre Stirn an ein Fensterkreuz lehnt und denkt, beschreibt ihre Gedanken, folgt der Geschichte, die dabei entsteht bis zu einem gewissen Punkt und beschreibt dann denselben Weg wieder zurück mit praktisch identischen Worten aber einer leicht veränderten Grammatik, sodaß man auf andere Dinge achtet) aufgebaut ist, ein grandioses Kapitel), egal bis auf die Tatsache, daß man den Deckel leichter so modifizieren kann, daß er Luft ins Glas hinein läßt. Wir benutzen also das Glas mit Deckel in der aufrechten Position.
Die Viecher sind so lahm, daß man sie einfach vom Blatt pflücken kann. Einziges Hindernis ist die Schreckhaftigkeit des Fängers. In diesem Fall hüpfte mir der Frosch auf den Handrücken und weil es dann da plötzlich so kalt und naß war, habe ich mich erschrocken und ihn in die Gegend geschmissen. Zum Glück hat Jörg (dessen Name nebenbei bemerkt immer eine gewisse Verwandtschaft mit den Tierchen nahelegt) ihn beherzt in die Kanne und danach ins Glas befördert, ohne daß noch weitere Verzögerungen das ganze Forschungsprogramm durcheinander gebracht hätten, was ja dazu hätte führen können, daß ich mein ebenso spannendes wie stellenweise verwirrendes Buch über die Zeit des kalten Krieges und die Verwicklungen zwischen den Geheimdiensten beider Blöcke in Spanien, das immerhin mit jeder Seite spannender wird und gerade vom Mord an Lew Dawidowitsch Trotzki berichtete, nicht hätte weiterlesen können.
Nun sitzt der Frosch also in seinem neuen Zuhause und beginnt zunächst einmal damit, sich dieses sehr genau anzusehen. Er klettert also hin und her, ist ganz aufgeregt, und wir freuen uns darüber, daß er so glücklich ist. Wir werfen ein paar Blätter in die Kaffeekanne, drehen sie um und verschließen die Öffnung mit einem Sieb, damit er nicht rausgeht und eventuell nachher nicht mehr in sein schönes, neues Zuhause zurückgelangt, was ja schade wäre, wo er sich doch so gefreut hat, fast so wie einer der Hauptdarsteller in meinem guten und interessant geschriebenen Buch, ein Spanier mit falschem Namen und heiklem Auftrag aus Rußland, der zur Zeit in Amsterdam im Hafenviertel unterwegs ist, um sich die Beine zu vertreten und plötzlich in einem Schaufenster endlich das Gesicht eines seiner mutmaßlichen Verfolger vom CIA sieht, von denen er schon seit langer Zeit vermutet, daß sie hinter ihm her sind, weswegen ihn die Bestätigung seiner Vermutung unendlich erleichtert, und überlegen dann, was dem Frosch wohl noch fehlt. Nach der Umsiedlung in das Einmachglas und der zusätzlichen Versorgung mit frischen Blättern hat dann Jörg den entscheidenden Einfall, und so kommt es zum
Unsere Villa wurde offensichtlich vor geraumer Zeit mal von Kindern bewohnt oder besucht und in einem der Gartenhäuschen finden sich Holzbauteile, aus denen wir eine rudimentäre Leiter zusammenschrauben, auf daß der Frosch seiner Bestimmung folgend darauf hoch und runter klettern möge, um uns das Wetter der folgenden Zeit anzusagen. Der Frosch, der Einfachheit halber nennen wir ihn fortan "Frosch", zeigt zunächst keinerlei Interesse an seiner Leiter, wie auch der spanische Held meines Buches, dessen bemerkenswerte Erzählweise mich anstrengt, aber durchaus auch fasziniert, sich nichts anmerken läßt, jedoch später bei der erstbesten Gelegenheit dem Amerikaner entwischt. Wir geben Frosch ein wenig Zeit und kümmern uns erst wieder einige Stunden später um unseren privaten Wetterdienst.
So ein Wetterfrosch hat zunächst mal nur einen Zweck: Er soll das Wetter vorraussagen oder zumindest hinreichend genaue Spekulationen machen, damit man sich angemessen kleiden kann, bevor man den Tag bei der Arbeit verbringt. Damit Frosch dies tun kann, muß man ihm Energie zuführen, bei Fröschen in Form von Fliegen und anderen kleinen Insekten. Frosch sitzt ja nun in seinem Glas und hat nur sehr eingeschränkte Jagdgründe, also beschließen wir, selber auf die Jagd zu gehen und fangen zunächst mal eine große Spinne, die im sofort auf den Kopf steigt, aber offensichtlich nicht schmeckt, denn er will sie nicht essen. Das erinnert mich schon wieder an mein hochkompliziertes Buch über den "zweiten Tod des Ramón Mercader", in dem Inés Mercader, die Frau des spanischen Helden, die sich zur Zeit mit ihrer Tante auf dem Gut der Mercaders im Norden Spaniens aufhält, aufgrund einer dumpfen Vorahnung über das Schicksal ihres Mannes, das der Leser natürlich geneigt ist zu teilen, schon wegen des Titels dieses hervorragenden Buches, und weil der Name "Ramón Mercader" ein Deckname ist, und zugleich auch der eigentliche Name des Jaques Mornard, der 1936 Lew Dawidowitsch Trotzki in Mexiko ermordete, weil Stalin es so wollte, ebenfalls nicht essen will, was ihre Tante, die eigentlich gar nicht ihre Tante ist, und auch nicht die Tante des Ramón Mercader, weil letzterer ja auch nicht wirklich Ramón Mercader ist, in tiefe Verzweiflung stürzt. Wir fangen dann noch einige Motten und Ameisen und scheitern kläglich nach zwei Stunden bei dem Versuch, eine echte Fliege für Frosch zu fangen. Frosch bekommt also nichts zu essen, oder er hat zumindest keinen Appetit.
Da wir uns in der Zwischenzeit damit abgefunden haben, daß Frosch nicht gewillt ist, uns etwas über das Wetter zu verraten (Der spanische Matrose, der eigentlich fast nichts mit der Geschichte zu tun hat, außer daß er sich zufällig (zufällig? Naja, der Autor wird sich schon was dabei gedacht haben) mit Ramón Mercader unterhält, ist auch nicht gewillt, den Jungs vom CIA etwas mitzuteilen, allerdings weiß er ja auch nichts, oder zumindest weiß ich nicht, ob er was weiß, weil in meinem schönen und hervorragend verwirrend geschriebenen Buch bisher noch kein Hinweis vorkam, der mich hätte glauben lassen, daß der Matrose etwas weiß.), wollen wir ihn wenigstens quaken hören. Wir sitzen also einige Zeit um das Glas herum, während draußen der Einbruch der Dunkelheit vor allem durch das einsetzende Konzert der Frösche seine Schatten vorauswirft. Frosch wird zusehends nervös und kann sich garnicht entscheiden, ob er lieber aus dem Fenster sehen oder im Glas herumhüpfen und ab und an die Kerze betrachten will. Ich glaube, er mag sein Haus sehr gern, aber quaken will er nicht. Bevor wir gen Nice fahren, um dort das Nachtleben zu genießen, lasse ich Frosch schnell noch wieder frei, weil ich mir der genügenden Sauerstoffzufuhr durch den ameisendichten Spalt im Glas nicht sicher bin, und beende damit das Experiment. Mein Buch ist zum Glück noch nicht aus.
Die Webseite zum Thema gibt es auch (Danke Wassili): http://www.wetterfrosch.org/.
Und dann wäre da noch http://www.amphibien.at/arborea.htm für ganz interessierte Leser oder Leute, die einfach mal so ein Viech sehen und hören wollen.
Hat der Bericht gefallen?