Eine Bande von Freibeutern! 7. September 1998

Hi Alle!

Seit zwei Wochen bin ich nun schon wieder in Antibes, die Gallenblase ist fast vergessen und das ist auch gut so. Ich habe nicht den Eindruck, noch irgendwie körperlich eingeschränkt zu sein, zumindest kann ich schon wieder normal im Mittelmeer baden (ich liebe diese Klippen auf dem Cap. Irgendjemand hat da ein Sprungbrett angebracht, von dem man hervorragend ins Meer hüpfen kann, und eine Leiter, über die man sogar wieder herauskommt) und mir tut auch nicht mehr der Bauch weh, wenn ich mit Tannenzapfen auf Eichhörnchen werfe (Jaja, ich weiß, aber es muß sein. Auf dem Cap d'Antibes gibt es seit geraumer Zeit nur noch graue Eichhörnchen, die sich von ihren roten Kollegen durch größere Dreistigkeit unterscheiden. Wo die Grauen auftauchen, sind die Roten bald weg, also muß man was tun. In den USA soll es z.B. so gut wie keine roten Eichhörnchen mehr geben. Zudem nerven die Viecher bei uns im Garten gewaltig, weil sie morgens um 5 anfangen, sich gegenseitig anzukeifen.). Demnächst werde ich wieder Hockey spielen, und dann fühle ich mich wieder gesund. Den "Ich gehe nochmal ins 'Tire Bouchon' und esse das, was ich an dem fatalen Abend auch gegessen hatte"-Test habe ich schon vor ein paar Tagen erfolgreich absolviert.

Mein Auto fährt auch wieder zufriedenstellend, obwohl es eine Zeitlang wie wild aus dem Motor gequalmt hat, aber der französische Audi-Mechaniker tat das mit einer laxen Handbewegung ab und meinte, wenn er führe (das tat er), sei doch alles ok, klar, da käme Öl raus, aber das müsse man dann halt ab und zu mal nachfüllen. Hm. Man neigt ja als Deutscher dazu, solchen Diagnosen nicht zu glauben, aber auf der anschließenden Fahrt zu Eurécom war von Rauch nichts mehr zu sehen und so mag er wohl Recht gehabt haben. Jedenfalls fährt die Kiste wieder wie immer, toitoitoi.

Neues von der Bank:

Wenn ich mal irgendwann gefragt werden sollte, was man beim Umgang mit französischen Banken beachten muß, wird meine Antwort die folgende sein:

"Macht einen großen Bogen um Crédit Agricole!"

CA ist eine Bande von Freibeutern (danke an dieser Stelle an Gerald, der diesen schönen Ausdruck geprägt hat, und zwar im Zusammenhang mit der Stadtverwaltung Karlsruhe), die reinsten Wegelagerer.

Irgendwann Ende Juni hatte ich den großen Fehler begangen, mein Konto um satte FF1500 (immerhin DM500) zu überziehen, worauf mir meine Carte Bleu eingezogen wurde (vom Kontoauszugsdrucker wohlgemerkt, von dem ich gerade erfahren wollte, wieviel Geld ich noch habe). Ich bin dann in die Filiale gegangen, um nachzufragen, was das solle, schließlich hatte mir der Automat nichts mitgeteilt, sondern nur wort- und grußlos die Karte geschluckt. Eine vollkommen entsetzte Angestellte teilte mir den Kontostand dann mit und versteckte die Karte hinter sich (, damit ich sie ihr nicht wegnehme?). Ich solle mein Konto ausgleichen, sie könne mir die Karte jetzt so auf keinen Fall (wichtiger Blick mit einer Andeutung von "Ich kann auch die Polizei rufen") wiedergeben. Na gut, die hat vielleicht schlecht geschlafen oder so.

Ein paar Tage später kommt das Geld von Eurécom und katapultiert mein Konto auf FF4000, also gehe ich wieder zur Bank, um meine Karte abzuholen. Ich gehe also wieder an den Empfangstresen, stelle mich höflich vor und frage nach meiner Karte. Die Dame ist völlig perplex und teilt mir mit, sie habe doch meine Karte zerstört, schließlich...

Oh mann! Ich habe eigentlich überhaupt keine Lust, nochmal "10 Tage" (also 25) auf eine neue Karte zu warten, aber es kommt besser: Im selben Moment geht mein Sachbearbeiter (ja, genau, er, der Sachbearbeiter ohne Namen, der im ersten Teil noch nicht zu Wort kam, und der so schön und schnell Formulare holen konnte) vorbei, ich nutze die Chance und erkläre die Geschichte. Er macht ein merkwürdiges Gesicht, fragt die Empfangstante etwas, zieht dann die Schultern hoch und erzählt mir, ich bekäme selbstverständlich eine neue Karte, allerdings erst in zwei Jahren.

Ich staune. Vermutlich stehe ich mit offenem Mund vor ihm, denn er sieht mich wirklich mitleidig an und setzt dann noch nach, daß ich natürlich auch keine Schecks bekommen könne, das sei ja klar. Ich bin fassungslos und frage ihn, ob man da nicht irgendwas machen können, was er bejaht. Man könne evtl. schon in 6 Monaten... Toll, da bin ich nicht mehr da. An mein Geld könne ich aber jederzeit rankommen, es würde mir gern an der Kasse ausgezahlt. Meine nächste Frage ist natürlich, was denn das Auflösen des Kontos koste, und die beruhigende Antwort lautet: "Nichts". Na immerhin. Allerdings glaube ich das auch erst, wenn es vorbei ist.

Also Leute, auch wenn Euch Eure Hausbank die CA empfiehlt (es gibt welche, die tun das. Ich habe mal nachgefragt, wie sie das verantworten können, aber die Antwort steht noch aus. Nachtrag: Heute hat meine Ansprechpartnerin von der Commerzbank angerufen und sich erkundigt, wie es nun genau war. Sie sagte, es täte ihr sehr leid, sie habe extra bei der Zentrale in Hamburg nachgefragt und sie habe dort nochmal Bescheid gesagt. In Zukunft werden die dann wohl nicht mehr CA empfehlen. Haha! So stelle ich mir eine gute Bank vor. Danke nach Hamburg für diese kleine Genugtuung.), auch wenn jemand behauptet, er habe keine Probleme, hört auf mich oder fragt einfach mal einen Franzosen (die lachen immer, wenn man "Ich bin bei CA" sagt). CA ist mit Sicherheit die schlechteste Bank, die ich je erlebt habe, und vermutlich die schlechteste überhaupt. (Wo ich gerade beim Lästern bin: In Frankreich zahlt man die Miete per Scheck, weil französische Banken nicht in der Lage sind, Überweisungen oder Daueraufträge fehlerfrei abzuwickeln. Cool, gell? Denkt immer daran, wenn ihr euch mal wieder über eure Bank ärgert.)

So. Soviel dazu.

Neues von der Côte d'Azur:

Der September an der Côte d'Azur ist kein normaler Monat. Man hat fast den Eindruck, es sei schon Winter (die Franzosen bestätigen das gern), und von einem Monat auf den anderen verändert sich die Kulisse. Wo eben noch Tausende von Touristen herumwuselten, ist jetzt gähnende Leere. Die Einheimischen scheinen immer noch ein paar Wochen abzuwarten, ob die Touristen jetzt auch wirklich weg sind, bevor sie dann im Oktober wieder zurückkehren, außer ein paar Straßenkehrern und blumenpflanzenden Angestellten der Stadt ist schlicht niemand da.

Für den genußfreudigen Quasi-Einheimischen bedeutet das, daß er am besten im September arbeitet, was das Zeug hält, denn im Oktober geht es in den Kneipen und Diskos in Nice wieder los. Im Moment dagegen ist man fast überall allein und darf sich die Musik aussuchen. Angeblich soll zwar die Au-Pair-Saison schon wieder angefangen haben, aber die Mädels müssen ja auch erstmal den Weg zu den richtigen Plätzen finden.

Der September zählt also eigentlich nicht richtig, außerdem ist das Wetter scheiße (In der Nacht von Samstag auf Sonntag gab es das heftigste Gewitter, das ich je erlebt habe. Es hat durchgehend geblitzt und gedonnert und dabei geschüttet wie blöd. Ungefähr so stelle ich mir immer die Tropengewitter im Regenwald vor. Einige Straßen sind heute noch kaputt, sogar bei unserem Nachbarn ist ein Quadratmeter Asphalt einfach verschwunden, überall sind die Löcher in den Straßen mit Sand behelfsmäßig verschüttet worden), und die Tage sind auch nicht mehr so lang, wie sie mal waren.

Einziger Vorteil: Im Herbst gibt es hier Wind. Am Samstag haben wir deswegen in schönen Wellen baden können, am Mittelmeer ja eher eine Seltenheit. Im Anschluß haben wir noch auf den Klippen gesessen und uns sporadisch von den Wellen duschen lassen, war schön.

Falls irgendjemand von Euch das Problem hat, daß ihr oder sein Lebensabschnittsgefährte plötzlich dringend Kinder will, hier in Antibes gibt es das Mittel gegen Kinderwunsch: Der Quick gegenüber von McDonald's. Quick ist in Frankreich das, was bei uns Burger King ist, der ewige Zweite im Fast-Food-Markt. Der Quick in Antibes ist malerisch gelegen im Industriegebiet, direkt neben dem großen Kreisel wo es zur Autobahn geht. Für die lieben Kleinen hat sich die Geschäftsleitung etwas ganz besonderes einfallen lassen: An sonnigen Tagen können die Kinder vor der Tür bahnfahren. Die haben tatsächlich direkt neben den Tischen (an denen man als nichtsahnender Erstkunde seinen Big Western Burger ißt) eine Eisenbahn aufgebaut, die ziemlich groß ist und immer im Kreis fährt, etwa 4m hin, dann um die Kurve, 4m zurück, wieder um die Kurve, und so weiter. In der Lok und in den Wagen sind überall Knöpfe angebaut, mit denen man ganz fürchterlich laute Ballergeräusche machen kann (so wie auf dem Dom (für Süddeutsche: Rummel oder Kirmes), bloß lauter), und die ganze Bahn sitzt voller Kinder, die wild auf den Knöpfen rumdrücken, sodaß man nach 10 Sekunden sicher weiß, daß man im Leben kein Kind haben will, und nach weiteren 10 Sekunden wegen Kopfschmerzen das Feld räumt. Ganz schlimm.

Da ich bis morgen eine lauffähige Version meines Videoservers basteln muß, werde ich jetzt mal aufhören

Ach ja: Einer meiner ersten Briefe nach der Rückkehr kam von meinen Freunden bei CA. Es war ein Kontoauszug, auf dem besonders die FF300 für die Vernichtung der Karte und die FF3 Steuern auf den Betrag oben ins Auge fielen. Ich habe am nächsten Tag sofort mein Konto abgeräumt, klar, bevor die nochmehr abziehen, aber damit sind sie endgültig unten durch, sowas ist unseriös. Vielleicht haben sie das aber auch nur abgebucht, weil ich mit Kontoauflösung gedroht hatte, wer weiß. Sicher ist nur, daß ich da nie wieder Geld hinbringen werde, und wenn ich mal Milliardär bin, dann wird ihnen das leidtun. So.

Vielen Dank an die Einsender der weiteren Laudödel-Ausdrücke!

Schöne Grüße mitten aus einem Gewitter,
Jan

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