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Jan Exner

16. Dezember 1998

Berichte aus England - Eine kurze Geschichte der Französin

Eine kurze Geschichte der Französin 16. Dezember 1998

Tachchen!

Auf vielfachen Wunsch meiner geschätzten Leserschaft will ich heute mal versuchen, etwas zum Thema "Frauen in Frankreich" zu schreiben, ich muß allerdings gleich am Anfang dazu sagen, daß die hier geschilderten Beispiele nur zu Demonstrationszwecken angeführt werden und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben wollen. Ich habe von Französinnen keinerlei Ahnung. Nun wohne ich aber nunmal an der Côte d'Azur und da laufen von denen doch einige rum, also beobachte ich manchmal, und auch daraus kann man schon auf die eine oder andere Eigenart der Ureinwohner schließen (die auffälligen Radfahrrituale sind ein schönes Beispiel).

Im Sommer sind die Ureinwohner viel besser gelaunt, als zur eher schmuddeligen Jahreszeit jetzt. (Das wird mir jetzt niemand glauben: Es regnet hier manchmal.) Im Sommer sind die Franzosen fröhlich, unbeschwert und nett. Sie laufen angemessen langsam herum, damit nur keiner denkt, sie wären etwa in Eile oder so. Manchmal laufen sie auch etwas schneller herum, aber dann sind sie ausgesucht höflich, oder sie lächeln, quasi um die Eile auszugleichen. Bei so viel Freundlichkeit und Idylle reizt es natürlich den emanzipierten Norddeutschen, sofort den Huptest zu machen, und siehe da: Er funktioniert.

(Der Huptest: Jede anständige Frau reagiert entweder mit einer Kraftgeste oder überhaupt nicht, wenn ihr jemand auf der Straße hinterherhupt. Nicht so die Französinnen, die freuen sich über die Aufmerksamkeit, die sie auf sich gezogen haben, und wenn sie einen guten Tag haben, wiegen sie sich noch ein bißchen in den Hüften, quasi als Belohnung. Außerdem lächeln sie, manchmal direkt, manchmal verschämt über die Schulter, manchmal grinsen sie auch über beide Ohren, dann wird aber immer gerade die Ampel grün und man fährt schnell weg.

Der Huptest wurde in den frühen 60er Jahren von einem Team um die Verhaltensforscher Prof. Dr. L. Honk, Dr. Uhp und Dr. Prööp erfunden und gehört seitdem zum Standardwerkzeug der post-industriellen Anthropologie, aber das nur am Rande.)

Wenn man viel mit Fahrern unterwegs ist, deren Forscherdrang keine Pausen kennt, merkt man bald, daß es sich hier nicht um zufällige Phänomene handelt. Angespornt von seiner ersten wirklichen Beobachtung fühlt man sich in der Lage, den nächsten Test durchzuführen, den Wassertest, und auch er funktioniert. Wir haben es hier zweifellos mit einer sehr interessanten Spezies zu tun.

(Der Wassertest: Nach Juan-Le-Pins fahren, zum Araberhöker gehen, Super-Soaker mit mindestens zwei Wassertanks kaufen (bevorzugt mit extra Luftreservoir, hat mehr Wumm), Wasser einfüllen, zurück zum Auto, ein paar Probeschüsse, rein ins Auto, Fenster runter, losfahren, Waffe verstecken, an Ampeln nach potentiellen Testpersonen Ausschau halten, ruhig auch sich bewegende Personen anvisieren, bei Gelegenheit einen Schwall Wasser auf die Testperson abschießen, grinsen, Reaktion abwarten, gegebenenfalls schnell wegfahren.

Zu unserer großen Verwunderung ist es nie so weit gekommen, daß wir den letzten Schritt einleiten mußten. Im Gegenteil: Die von uns ziemlich wahllos ausgesuchten Testpersonen reagierten ausnahmslos positiv. Einige Exemplare stießen sogar spitze Schreie aus, wobei offensichtlich eine Korrelation zwischen Intensität des Quietschens einerseits und Alter der Testperson andererseits besteht. Auch soziale Aspekte spielen hier eine Rolle, wir konnten eine höhere Quietschrate bei Kleingruppen gleichaltriger Französinnen erkennen. An dieser Stelle muß sicherlich noch weiter geforscht werden, zumal es sich um eine sehr komplexe Materie handelt.

Der Wassertest wird heutzutage nicht mehr unreflektiert weltweit eingesetzt. Er erfreute sich nach seiner Erfindung großer Beliebtheit und wurde auf breiter Basis (auch von Hobbyanthropologen) angenommen. Eine Untersuchung von 1973 deckte jedoch systematische Schwächen auf, von denen besonders die mangelnde Unabhängigkeit des Tests von den Umwelt- (und hier besonders den Witterungs-) bedingungen dazu führte, daß der Test nur noch in ausgesuchten Gebieten wirklich Bedeutung haben konnte. Heutzutage setzt man ihn nur noch im mediterranen Raum ein, und auch hier nur nach genauester Voruntersuchung. Die Geschichte des Wassertests kann in einer erst kürzlich publizierten Untersuchung der Erfinder ["Eine kurze Geschichte des Wassertests", Smith, Wesson et al., Springer, Berlin 1997] nachgelesen werden.)

Nachdem die ersten Untersuchungen uns einen ersten Einblick in die Gesellschaft der Ureinwohner ermöglichten, gingen wir an die zweite Phase des Forschungsprojektes. Die Ergebnisse mußten durch penible und langwierige Studien untermauert, verifiziert und in einen Kontext eingebettet werden, der uns am Ende erlauben sollte, ein möglichst umfassendes Bild der Einwohner zu zeichnen. Diese Phase der Forschung erweist sich immer als äußerst anstrengend, ja manchmal sogar als trocken und frustrierend, doch nur so kann das Ergebnis wissenschaftlichen Kriterien standhalten und in der Masse der Projekte eine herausragende Position einnehmen. Kritiker haben scharfe Messer.

Man möge mir verzeihen, wenn ich im Rahmen dieses Kurzberichtes nur Ausschnitte aus der eigentlichen Forschungsarbeit darstelle, dies geschieht jedoch auch, um das Interesse an unserer Arbeit nicht unnötig zu belasten. Es sei nur erwähnt, daß den scheinbar zufälligen Betrachtungen oft monatelange Beobachtungen vorausgingen.

Konkurrenzverhalten

Zunächst einmal ist die handelsübliche Französin ein wenig voreingenommen, was ihre Artgenossinnen angeht. Aus der Sicht einer Französin lassen sich die Anderen in drei Gruppen ganz unterschiedlicher Art einteilen:

Saloppes
Der Begriff "Saloppe" entspricht in etwa der Bezeichnung "Schlampe". Französinnen bezeichnen alle Frauen so, die ihnen vielleicht ihren Typen auspannen könnten, also alle Frauen, außer vielleicht
Freundinnen
Diese Gruppe besteht aus den Freundinnen der Bekannten des Mecs und den Freundinnen der Bekannten einer Französin, manchmal sind auch alte Schulfreundinnen dabei. Solche Frauen sind natürlich nicht gefährlich, sie haben ja schon einen Typen oder erwiesenermaßen einen anderen Geschmack.
Vorsicht: Aus dieser Gruppe kann eine Frau schon durch unbedachte Äußerungen leicht herausfallen.
Ich
Die Französin selbst. Die Wahrheit, das Licht. Die einzige vertrauenswürdige Person auf dieser schlechten Welt. Warm- und gutherzig, freundlich und hilfsbereit, treu und ergeben ist sie, eine wahre Märtyrerin.

Selbstverständlich ist die erste Gruppe nicht nur gefährlich, sondern gleichzeitig auch am größten, was es der Französin schwer macht, sich zu entspannen.

Böse Zungen behaupten ja, alle Französinnen wären Saloppes, und man könne das beweisen, indem man jede einzelne von ihnen nach allen anderen befragt, und dann die Ergebnisse mittelt. Dabei ergibt sich dann für jede einzelne Französin eine Wahrscheinlichkeit von etwa 99.99996%, daß sie eine Saloppe ist [Hum98;Jun98]. Ein trauriges Ergebnis, welches sicherlich noch genau überprüft werden muß, bevor man es in dieser Deutlichkeit publizieren kann.

Richtig ist jedoch, daß alle befragten Testpersonen von den schlechten Absichten der anderen Französinnen fest überzeugt sind. Die daraus resultierenden Verhaltensweisen füllen das ganze Spektrum von "ständiger Bewachung" bis hin zu "beherztem Eingreifen bei Gefahr im Verzug", auch "Vorsichtshalber mal nörgeln" ist sehr beliebt, ebenso "Blick- und Gedankenzensur".

Emanzipation

Genauere Studien der Verhaltensweisen einiger Französinnen legen den Schluß nahe, daß damals neben der radioaktiven Wolke von Tschernobyl auch gleich die Emanzipation an den harten Einreisebedingungen der französischen Grenze gescheitert ist und sich beleidigt gen Norden gewandt hat, um sich von dort weiter über die Welt zu verbreiten.

Für den Franzosen oder jeden anderen Freund einer Französin ergeben sich daraus im täglichen Leben einige Annehmlichkeiten, zum Beispiel eine fast automatische Teilübernahme der anfallenden Arbeiten im häuslichen Bereich.

Eine Beispielsituation

Ein ganz normaler Abend in Nice, man geht aus, besucht verschiedene Lokalitäten, trinkt verschiedene Kaltgetränke, unterhält sich, trifft Franzosen und andere Nachtschwärmer und landet dann irgendwann fast zwangsläufig vor dem "Subway", weil das am längsten geöffnet hat und ein wenig an den Krokokeller in Karlsruhe erinnert.

An dieser Stelle teilen sich die Meinungen. Während die männlichen Ausländer (die in der beobachteten Gruppe die Mehrheit der Männchen darstellen) einen festen Willen zeigen, trotz hohem Eintrittspreis und Alkoholpegel das Etablissement zu betreten, zeichnet sich bei den Französinnen eine gewisse Abneigung ab.

In diesem Moment kommt die Nachricht, eines der Männchen würde nach Antibes zurückkehren und könne die Begleiterinnen gern mitnehmen, natürlich wie gerufen, sie wird auch zunächst freudig aufgenommen.

Die männlichen Ausländer sind über diese Wendung durchaus froh und bewegen sich zielstrebig zum Eingang der Kellerdisko, allerdings offenbar mit zuviel Elan, denn sofort wittern die Französinnen Gefahr.

Es kommt, wie es kommen muß: Die Französinnen betreten mit ihren männlichen Ausländern die Disko, warten ein paar Stunden auf die Heimfahrt, langweilen sich dabei zu Tode und sind nachher schlecht gelaunt. Sie sind noch nichteinmal zufrieden, daß sie mal wieder erfolgreich ihren Mann verteidigt haben, denn das ist ein so schlecht meßbares Ergebnis.

Verwirrend, oder?

Die Extreme

Extrembeispiele sind immer wieder gut geeignet, wenn es darum geht, einen groben Überblick über die Situation zu schaffen. Die beiden folgenden Beispiele sollen die beiden Enden der Partyskala aufzeigen und sind ansonsten vollkommen wertfrei zu lesen.

Am passiven Ende der Skala liegt (wie auch in anderen Ländern) das gute alte "Zuhause bleiben". Das passiert dann, wenn man sich nicht einigen kann, wenn man unmotiviert ist, oder wenn die Französin lange genug Einwände gegen mögliche Ziele gemacht hat.

Das aktive Ende markiert vorläufig der letzte Samstag. Eine eigentlich vollkommen normale, gesittete und von unterschiedlichsten Menschen besuchte Geburtstagsparty artete aufgrund übermäßigen Alkoholkonsums und einer Überdosis Hormone zu einer Show aus, die im Publikum für durchaus gemischte Reaktionen sorgte.

Eine der geladenen Französinnen nutzte unter anderem den Tisch für eine bisher beispiellose Selbstdarstellung, an deren Ende sie sich dann (nur noch halb bekleidet) auf einen der anwesenden Gäste warf. Besagter Gast muß seitdem unter dem Hohn und Spott der anderen Gäste leiden, denen er zu allem Überfluß auch noch jeden Tag bei der Arbeit über den Weg läuft.

Fazit

Die Französin als solche ist eine durchaus liebenswerte Person mit einigen Ecken und Kanten, wie man das ja von anderen Personen auch kennt.

Man kann sich an ihr erfreuen, und sie weiß das zu würdigen, aber man hat auch viel Arbeit mit ihr, die sich vermutlich irgendwie auszahlt, wer weiß.

In diesem Sinne wünsche ich allen hervorragende Weihnachten, einen glatten Rutsch ins vorletzte Jahr des Jahrtausends (kleiner Klugscheißer-Einwurf), angenehme Ferien und leckeres Essen.

Ich selber begebe mich jetzt auf eine lange Reise, die mich bis zum Ende des Jahres nach Ägypten führen wird, wohin mich der Stern von Bethlehem oder eine dieser neumodischen Fluggesellschaften leiten, und wo ich im warmen Sand den Messias treffen oder vielleicht faulenzen werde, bis daß der Tag sich seinem wohlverdienten Ende zuneigt.

Bis zum nächsten Jahr,
Jan

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