Send to Kindle

Jan Exner

18. Januar 1999

Berichte aus England - Ägypten ist eine Reise wert

Ägypten ist eine Reise wert 18. Januar 1999

Ägypten ist eine Reise wert, ganz eindeutig.

Man kann dort die Pyramiden bestaunen, über die Nase der Sphinx nachdenken, Grabstätten besuchen und sich generell "wie früher" fühlen, wenn man das möchte. Die Vergangenheit schwingt in jedem Stein mit, in jeder Sanddüne und jedem Blick, den man auf die Gegend richtet. Es ist als wäre die Zeitmaschine erfunden worden und hätte einem einen kleinen Blick auf unsere Vorfahren erlaubt. Ägypten ist Geschichtsunterricht und Roman in einem, informativ und spannend, schön und bildend. Ägypten ist toll.

Nunja, all dies ist Ägypten wohl wirklich, wenn man dahin fährt, wo sich Ägypten eigentlich abspielt, und nicht gerade ans Südende der Halbinsel Sinai, wo es eigentlich nur Sand, rote Felsen und Beduinen gibt.

Die Israelis sind hier ja mal einmarschiert, aber es war ihnen ganz einfach zu langweilig, also sind sie wieder gegangen. Hinterlassen haben sie die eine oder andere Kaserne, und die Ägypter haben die Chance genutzt und sie in Hotels umfunktioniert. (Das klingt jetzt schlimmer, als es ist: Die Kasernen bestehen aus kleinen Häuschen, sodaß es wohl kein Problem war, daraus Ferienbungalows zu bauen.)

Unsere Reise begann auf dem Hamburger Flughafen mit dem traditionellen "Mitbringselvergleich", mit dem man herausfinden kann, wer sich am besten auf die Ferien vorbereitet hat. Meine Schwester hat hier ganz eindeutig gewonnen, aber das war eigentlich schon vorher klar.

Nachdem wir uns mit den letzten Lebensmitteln ausgestattet hatten (2 Flaschen Gin à 1l, auf unserer Anlage würde es keinen Alkohol geben) wurden wir zunächst nach Berlin geflogen, von dort dann weiter nach Cairo, direkt in das größte Gedränge seit dem letzten Konzert der Spice Girls. Touris aus etwa 8 Flugzeugen durften sich vor 8 Paßschaltern anstellen, bevor sie überhaupt erstmal an ihr Gepäck gelassen wurden. Völlig logisch, daß dabei keine Schlangen entstehen, sondern ein Pulk, Mord und Totschlag. Direkt vor der Kontrolle fiel uns ein, daß wir ja noch Visapapiere kaufen mußten, also hatten wir vorne noch etwas Spaß, bis mein Vater sich heldenhaft raus und wieder rein gedrängelt hatte. Einfach geil, dieser Flughafen Cairo, wird gerne gemieden.

(Zwei der eher unwahrscheinlichen Thesen, warum die Paßkontrolle so blöd gemacht ist:
1. Während der Wartezeit können die Ägypter schonmal schön das Gepäck filzen und möglicherweise was Wertvolles finden und
2. merkt man dann nicht, daß die Gepäckauslieferung mit Schildkröten gemacht wird, weil man ja zwei Stunden im Pulk um sein Leben kämpft.
Das ist natürlich rassistisch und gemein, und wahrscheinlich liegt es auch nur daran, daß die Ägypter so gründlich sein wollen.)

Über Egypt Air kann man ansonsten nur sagen, daß man keinen Hunger haben sollte.

Ich kann mich noch sehr gut an die große Erleichterung erinnern, die mich überkam, weil ich den Anblick anderer Gäste in unserer Anlage so beruhigend fand. Klingt übertrieben? Naja, vorher waren wir erstmal mehrere Kilometer immer ins Dunkle gefahren, quasi am Flughafen entlang zum Meer hin. Das Zimmer für meine Schwester und mich war etwa 8 Kubikmeter groß, also so breit, tief und hoch wie ein Bett mit 50cm Freiraum vorne. Kein Schrank, kein Regal, aber ... einen Spiegel! Wir hatten einen Spiegel. Bei der nächsten Gelegenheit haben wir in eine doppelt so große aber dafür nur 1.8m hohe Basthütte gewechselt, die wirklich ein Paradies war. Also gegen die erste Hütte.

Das Lager (ein sogenanntes "Beduin Home") war eigentlich ganz schön, direkt am Meer, dahinter gleich eine Felswand, Palmwedel-Sonnenschirme, ein Riff mit tierisch bunten Fischen davor, nett. Dummerweise werden rundum natürlich gerade Hotelanlagen gebaut. Nachts, nach dem Essen, ist ja Ramadan.

Was soll man sagen, ich habe 5 Bücher gelesen, der Rest meiner Familie hat heftigst am Strand gelegen und ansonsten mit den Fischen geschnorchelt, eine Idylle mitten im Winter.

Erwähnenswert sind vielleicht die sogenannten "Bakschisch-Barrikaden" (Horden von Kindern, die immer aus den Hütten gerannt kommen und die Autos von Fremden umlagern) und die lustige Ariel-Fernsehwerbung mit der komplett verschleierten Frau, die ganz viel bunte Wäsche aufhängt.

Silvester haben meine Schwester und ich meinen Eltern vorgeführt, daß Debilität keine Schande sein muß ("Mütze auf, happy new year."), wir haben hervorragend gegessen ("Hey! Mütze auf! Happy new year"), eine Darbietung ägyptischer Tanzkunst genossen ("Die Mütze! Happy new year", ihr kennt ja solche Trink-und-erfinde-Regel-Spielchen) und uns heftig betrunken ("Blöde Mütze, happy new year"). Zum Jahreswechsel haben wir dann mit (kurz vorher gerade noch so eben gekauftem) Bier angestoßen (Ja! Es war Holsten! Holsten Export aus der Dose, geil!) und uns danach mit einem Frankfurter noch ein wenig unterhalten bis 4 Uhr. Natürlich haben wir um 1 schnell nochmal angestoßen, gemeinsam mit den frierenden Deutschen und Franzosen.

(Mir ist aufgefallen, daß ich bemerkenswert oft mit unserem guten Wetter hier protze, obwohl ich es eigentlich gar nicht so gern mag, wenn es so warm ist. Ts, komisch.)

Wenn man in Ägypten im Duty-free-shop Alkohol kauft, bekommt man erstens nur eine gewisse Menge (zwei Flaschen Wein oder eine Palette Bier oder eine Flasche Heftigalk) und zweitens einen Stempel in den Paß gedrückt, damit man nicht woanders nochmal was kauft. Meine Schwester, meine Tante und mein Onkel sind jetzt offizielle Trinker, obwohl den Stempel natürlich keine Sau lesen kann, leider.

Kamele sieht man relativ häufig, sie sind aber letztendlich doch enttäuschend, weil sie eigentlich (genau wie die Kühe bei uns) nur rumstehen und wiederkäuen. Wenn man auf sie zu geht, hauen sie ab, und wenn man sie filmt, gucken sie doof. Nicht der Rede wert, diese Kamele.

Auf dem Weg nach Antibes, den ich wegen in solchen Fällen üblicher Verspätungen erst etwa gegen 18 Uhr antrat, durfte ich dann noch kurz hinter Lyon ein wenig Schnee erleben (4 Stunden mit ~25km/h hinter den Räumfahrzeugen herfahren und dabei etwa 150km zurücklegen kann ganz entspannend sein, muß aber nicht.) und am nächsten Morgen einen schönen Sonnenaufgang über Antibes, der gerade anfing, als ich um halb 8 ankam. Der neue Negativrekord für die Strecke KA->Antibes liegt jetzt also bei 13,5 Stunden, und da wird er wohl auch erstmal bleiben.

Ansonsten gibt es noch nichts zu berichten. Es regnet seit ein paar Tagen ganz fies, warm ist es auch nicht, und meine Wäsche werde ich wohl erst im Mai draußen von der Leine abnehmen. Bis dahin ist sie dann ziemlich oft gewaschen.

(Apropos Wäsche: Ich vermisse meine blaue Winterjacke. Ich habe sie bestimmt seit über einem Jahr nicht mehr getragen, und meine Suche in Hamburg und meiner alten WG in Karlsruhe brachte keinen Erfolg. Daher mein Aufruf an meine geschätzten Leser: Teilt mir mit, wann ihr mich zum letzten Mal mit der Jacke gesehen habt, und wo das war. Ich könnte sie jetzt wirklich gut gebrauchen, und wer mir sachdienliche Hinweise geben kann, würde mir eine unschätzbare Freude machen!)

Meinen nächsten Bericht werde ich vielleicht schon gar nicht mehr hier bei Eurécom schreiben, aber ich bin sicher, daß auch mein nächster Job (was auch immer es sein wird) mir genügend Stoff liefern wird, also keine Panik und bis zum nächsten Mal,
Jan

Ich wünsche natürlich Allen ein gutes neues vorletztes Jahr des Jahrtausends (kleiner Klugscheißereinwurf)!

Hat der Bericht gefallen?

Wertung: 3.5/5

Send to Kindle

  Berichte abonnieren

blog comments powered by Disqus
<< Vorheriger Bericht | Übersicht | Nächster Bericht >>