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Jan Exner

2. Februar 1999

Berichte aus England - Jakob! Das Haus brennt!

Jakob! Das Haus brennt! 2. Februar 1999

Tach.

Es ist kalt. Ich friere. Ja, echt, ich friere, denn es ist kalt. Auch an der Côte d'Azur kann es mal kalt werden, empfindlich kalt sogar. Samstag noch hat Bernhard während eines Rundgangs um das Cap d'Antibes (wir sind doch alle Gewohnheitstiere, nicht?) kurz eine Runde im Wasser gedreht und damit die Badesaison eröffnet und nebenbei eine Wette gewonnen, die Sonne hatte geschienen (ok, tut sie heute auch), der Mistral gepustet, die Wellen sich gebrochen, "Frühling!" hatte man rufen wollen, die Vögel hatten gezwitschert und waghalsige Figuren geflogen, es war warm und sonnig, ganz Antibes war auf den Beinen. Doch Sonntag schon kam alles ganz anders: Die Sonne schien, der Mistral pustete, die Wellen brachen sich, die Vögel zwitscherten und flogen waghalsige Figuren, es war sonnig, bloß schweinekalt.

Seit Sonntag heizen wir wieder wie nie zuvor, tragen tagsüber Jacken, verzichten nach dem Mittagessen auf den Kaffee auf der Terasse, ja sogar Socken hatte ich einmal fast angezogen! Winter, fieser Winter. In den Bergen um "Isola 2000" soll es bis -20°C gehabt haben, unglaublich. Ich meine, irgendwann ist es doch mal genug mit dem Winter, mehr als zwei, drei Tage muß das doch nicht sein, oder?

Auf der Domaine de Pitou (wo Arnd wohnt) hat der Wind letzte Woche eine 6qm große Fensterscheibe zerplatzen lassen, seitdem wohnen die Armen sozusagen "oben ohne", die Erfindung des Cabrio-Hauses, oder gibt's das schon? Naja, Freitag abend war jedenfalls zum Essen geladen, und trotz großen Kaminfeuers wurde niemandem so richtig warm. Gegen Mitternacht haben die letzten standhaften Gäste die Plätze vor den Gasbrennern geräumt und sind in die wohlige Wärme ihrer Autos entfleucht, vollkommen erschüttert über das Ausmaß der Kälte im Wohnzimmer der Pitou. Arnd meint ja, in seinem Zimmer wäre es ganz ok, aber er hat ja auch einen Gasbrenner, der etwa halb so groß ist wie sein Bett.

Mir ist vor ein paar Tagen eingefallen, was man Arnd zu seinem dreißigsten Geburtstag schenken könnte, nämlich einen auf... moment... Arnd liest hier mit (Hallo! Arnd! Ja, Du, hallo!), ich darf das hier garnicht sagen. Puh, das war knapp, aber es war trotzdem sinnvoll, denn jetzt wißt ihr alle, daß ich was weiß, und könnt mich fragen. Ok, die Idee wird die meisten Schenker nicht besonders begeistern, nee, so gut ist sie dann auch nicht, wahrscheinlich findet Arnd das eh nicht toll... ich könnte mir sogar vorstellen, daß er's doof findet, aber er weiß ja nicht, was es ist, also fragt mich trotzdem.

Ich selbst wünsche mir eigentlich nur ein paar Kleinigkeiten. Es muß nichts großes oder teures sein, echt. So ein Teleskop wäre cool, also als Ergänzung zu unserem Rohr, was ordentliches halt, vielleicht einen 8" Dobson oder so. Platten und Filme finde ich natürlich toll, eine Badewanne oder eine Satellitenschüssel mit Astra und Eutelsat käme total gut an, und mein Auto wird auch langsam alt. Stimmt überhaupt, ich brauche noch ein Fahrrad! Falls mir jemand Geld schenken will: Lieber nicht, sowas ist doch irgendwie plump, oder? Ich meine, kommt natürlich auch auf den Betrag an, aber irgendwie, nee, das muß dann schon echt richtig satt viel sein, sonst ist das doch doof. Findet ihr nicht? Ich mein', klar, hat auch Vorteile, kann man mit der Post schicken, stimmt schon, aber sonst...

Sowieso ist es schon verblüffend, wie viele Leute im Umkreis der Roselière Fisch sind, Jakob hat z.B. auch am 24. Geburtstag, quasi zwischen Arnd und mir. Dummerweise ist er da gerade in San Francisco, und so wird er wohl keine Geschenke bekommen, der Arme.

Manchmal muß man abrupt das Thema wechseln, weil man unbedingt noch etwas bestimmtes loswerden will. Meistens paßt das dann überhaupt nicht rein, bringt alle total aus der Bahn und drückt die Stimmung, aber es ist manchmal einfach nötig. Man muß sich dann bemühen, noch irgendeinen Scherz einzubauen oder die Sache wenigstens ein wenig ironisch von der Seite zu betrachten oder so, damit niemand gelangweilt den Blick abwendet, die Maus erbarmungslos zucken oder eine Taste klacken läßt, aber wegen der Dringlichkeit des Themas ist einem garnicht danach. Was tut man also? Soll man den mahnenden Zeigefinger erheben und zu einer Rede ansetzen, voller Pathos oder Bitterkeit, aber nicht ohne Hoffnung, denn ganz hat man das Thema nicht fahren lassen, ein Schimmer ist noch da, tief im Herzen... Oder soll man einfach gezielt die Fakten auf den Tisch legen? Kein Blabla, klare Sätze, zack, mitten rein. Oder, wieder anders, soll man ein Stilmittel aus der Schriftstellerkiste kramen, einen Dialog, ein Postscriptum oder eine Klammer (genügend Klammerebenen sind übrig (, noch) ...)? Soll man vielleicht gar schweigen? Man könnte auch einfach die Problematik erläutern, auf Verständnis beim Publkum hoffen und das Thema sodann einfach normal ansprechen. Hey, das ist mal `ne Idee! Also:

Das Thema ist meine Jacke. Ich will meine Jacke! Ich brauche meine Jacke. Kann mir denn niemand sagen, wo meine Winterjacke ist? Ich frier' mir hier einen ab! Irgendjemand muß mich doch mit dieser Jacke gesehen haben, ich hab' die doch vorletzten Winter noch getragen, ich bin mir sicher. Bitte, sagt mir was, redet mit mir, wo ist meine Jacke?

Fröstelnd,
Jan

P.S.: Der Titel dieses Berichtes kam übrigens absolut unspektakulär dadurch zustande, daß ich "Jakob! Das Haus brennt!" zu Jakob gesagt habe, obwohl das Haus überhaupt nicht brannte.

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Wertung: 3.2/5

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