Arnd hat Geburtstag 17. Februar 1999

Hi Kinners,

Arnd hat heute Geburtstag.

Heute überschreitet Arnd die magische Grenze vom "Twen" zum "Mann". Heute wird Arnd 30 volle Jahre alt. Heute wird bei Arnd der unvermeidliche Denkprozeß einsetzen, an dessen Ende dann die Midlife-Crisis steht, eine Familie, zwei kräftige, gesunde Kinder, ein paar Autos und Häuser und was man noch so braucht als Erwachsener. Heute ist der Tag, an dem die Leute beim Gratulieren etwas seltsam gucken, mit diesem leichten "Na?" im Blick, für das man ihnen gerne gegen ihr Schienbein treten möchte, vor allem wenn sie noch unter 30 sind, wie z.B. die meisten bei Eurécom. Heute wird sich für Arnd das Leben zwar nicht ändern, aber irgendwo wird er etwas bemerken, einen ganz klitzekleinen Unterschied, mehr eine Ahnung. Heute werden vielleicht die Witze über das Alter etwas schal schmecken, vielleicht sind sie jetzt auch vorbei? Heute wird die Welt ein wenig anders aussehen, der Himmel etwas blasser, der Schnee grauer, die Sonne weniger stechend, der Wind weniger beißend, ist ja alles schonmal dagewesen. Vielleicht wird heute auch alles viel intensiver sein? Der erste Kaffee mit 30, das erste Brötchen, der erste Regentropfen auf der Nase, vielleicht wird Arnd plötzlich erkennen, daß er ein Teil des Ganzen ist, ein Teil der Welt um ihn herum?

Auf jeden Fall wird Arnd heute 30, und das wird man ja nur einmal im Leben. Vermutlich wird er sich heute fragen, was er bis jetzt gemacht hat in seinem Leben. Er wird heute sicher darüber nachdenken, wie sein Leben nach dem Dr. aussehen wird, er wird über Frankreich nachdenken und über die Leute, die er hier kennt. Er wird wohl heute auch viel an Karlsuhe denken, wird sich fragen, ob 7 Jahre Studium zu lang waren, ob er nicht besser jetzt schon fertig wäre, oder ob es gut war, all die Dinge zu tun, die wir in Karlsruhe so getan haben. Er wird sich sicher fragen, ob es wichtig war, mehrere Semester quasi zu vertrinken und zu vergammeln, ob es seinem Leben den entscheidenden Kick gegeben haben mag, tagelang völlig orientierungslos vor sich hin gelebt zu haben, irgendwo zwischen Bett, Bierkasten und Baggersee. Er wird dann wohl bedenken, daß er heute mit 30 schon ein übler Langweiler wäre, wenn er das nicht getan hätte, dieses Risiko hat man als Informatiker ja immer. Heute wird er vielleicht irgendwann beschließen, daß es ok war, so wie es war, und er wird mit den ersten 30 Jahren im großen und ganzen zufrieden abschließen, um die nächsten Jahrzehnte in Angriff zu nehmen, weil das ja immerhin auch ziemlich spannend ist.

Leider ist Arnd heute nicht hier, sondern in Österreich und hält Vorträge, so daß wir leider von diesen ganzen Gedanken nicht viel mitbekommen werden, aber vielleicht ist das auch gut so. Ich persönlich finde es schade, denn ich habe noch keine Ahnung, wie das dann in ein paar Tagen bei mir wird, wenn ich selbst die magische 30 erreiche. Ich muß ja gestehen, daß ich mir noch lange nicht so alt vorkomme, und daß ich hoffe, ich kann den Tag einfach so wie jeden anderen Geburtstag betrachten.

Zum Geburtstag hat sich Arnd übrigens (neben den üblichen, eher materiellen Sachen) gewünscht, daß Alle mal bei seinem Projekt vorbeischauen, dem Active Virtual Web Museum, und ein paar (so 50 vielleicht) Bilder bewerten, damit er eine große Datenbasis zum Auswerten hat. Wer genaueres darüber wissen will, kann ihn ja mal fragen, aber auch so ist die Sache ganz nett. Man bewertet Bilder und bekommt dann die Lieblingsbilder von Leuten angezeigt, die einen ähnlichen Geschmack haben. Je mehr man bewertet, desto besser sind die Lieblingsbilder. Collaborative Filtering ist schon ganz nett, vor allem wenn man sich vorstellt, daß man das als normaler Mensch bei Kinofilmen eh schon so macht. Wenn Arnd nächste Woche wiederkommt, wird er garantiert zuerst mal nachsehen, was so an Mail gekommen ist, bis er dann irgendwann bemerkt, daß seine Datenbank voller neuer Benutzer ist, die alle ganz viele Bilder bewertet haben, und er wird sich freuen, weil er endlich seine theoretischen Ergebnisse wirklich mal überprüfen kann.

Da dies auch mein letzter Bericht als Twen ist, möchte ich allen meinen treuen Lesern danken, daß sie immer da waren und sind. Ich freue mich immer über Antworten, manchmal sogar von mir gänzlich unbekannten Leuten. Eine Französin mit Wohnsitz in Deutschland bescheinigte mir z.B. kürzlich, meine Berichte seien "gar nicht übertrieben", was mich sehr freut, denn sie muß es ja wissen. Eine andere Französin, ebenfalls mit Wohnsitz in Deutschland, bestätigte weitgehend die Erkenntnisse unserer groß angelegten Studie über die Bewohnerinnen der Côte d'Azur, was für uns eine große Erleichterung war, hatten wir uns doch mit den angegebenen Zahlen recht weit aus dem Fenster gelehnt.

Immer noch fröstelnd, nicht nur wegen der Kälte,
Jan

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