Sachen gibt's... 8. März 1999

Moin,

man glaubt gar nicht, was einem hier so passieren kann. Gestern z.B. waren wir im Subway, weil Jörg zu Besuch da war, und es ja außerdem erstmal mein letztes Wochenende hier war. Wir haben also nett getrunken und ein wenig getanzt, es war nicht so gut wie sonst, aber nicht schlecht. Am Ende sind dann Valerie, Jakob & Bernhard schon mal losgegangen und Saliha, Jörg und ich kurze Zeit später mit meinem Auto auch losgefahren.

Etwa auf Höhe des Flughafens war die Straße wegen eines Unfalls gesperrt, mit ordentlich Blaulicht überall und einem kleinen Schreck meinerseits, weil ich erstmal "Oh Gott, eine Kontrolle!" dachte (schnell das Bier nach hinten zu Jörg geben). War ja dann zum Glück nicht so, puh.

Wenig später, kurz vor Cagnes sur Mêr mit seiner beknackten Ampelkaskade (wir erinnern uns: Damit man 40 fährt), fuhr neben uns ein weißer Kleinwagen mit drei finsteren, bärtigen Typen drin, bei denen wir alle spontan "Russenmafia" dachten. Naja, war ja nur ein Kleinwagen, also bin ich etwas schneller gefahren und habe sie bis zur Ampelkaskade so gut wie abgehängt, bloß daß sie hinter dem Mini-Tunnel wieder da waren, diesmal mit Blaulicht. Oh mann! (Wieder schnell das Bier nach hinten zu Jörg geben)

Naja, ich also rechts ran gefahren, ausgestiegen, kurz auf den Ausweis von einem der drei Typen geguckt, und dann ging die Fragerei los: Ihre Papiere dabei? Nee, nur eine Kopie mit meinen Führerschein und den Wagenpapieren, meine Carte de Séjour. Ist das Ihr Auto? Nee, gehört meinem Vater. Was machen Sie hier? Studieren. Was? Informatik. Wo wohnen Sie? Antibes. Antibes ist groß, quoi?! Ok, Chemin de l'ermitage, auf dem Cap. Den deutschen Ausweis wollte er auch noch sehen, und nebenbei hat einer von den anderen Jörg befragt, der natürlich keinen Ausweis und nix hatte, aber eine Kreditkarte. Ich sehe ein wenig dabei zu, dann die Schlüsselfrage: Was machen Sie da? Der Typ zeigt grob Richtung Auto, in dem jetzt nur noch Saliha sitzt, ich frage "Hä?", weil ich nicht weiß, was er will. "Was machen Sie da? Ist das Prostitution?"

Geil, das hat mir noch nie jemand vorgeworfen. Ich erkläre also, daß mein Ex-Mitbewohner zu Besuch ist, um seine Freundin zu besuchen. Wie heißt ihr Mitbewohner? Jörg. Jörg wie? Ich sage den vollen Namen und sicherheitshalber den von Saliha gleich mit. Er will in den Kofferraum sehen, sieht sich den CD-Player genauer an, leuchtet dann einmal durch das jetzt leere Auto ("He, da läuft eine Bierflasche aus hinten..." - "Oh, danke"), schließlich findet Saliha in ihrer Handtasche eine Kreditkarte, die Typen sehen den Namen, murmeln "ok" oder so, und das war's.

Komisch, gell?

Rückwirkend muß man wohl sagen, daß die Jungs wahrscheinlich gedacht haben, wir wären die Russenmafia. Ich habe den Ausweis von dem Typen nicht gut genug gesehen, als daß ich schwören könnte, es waren wirklich Bullen, aber sie waren recht professionell, so von wegen Leute einzeln befragen, schön immer außer Hörweite der anderen, war schon beeindruckend, wenn auch etwas aggressiv.

Daß die "normalen Kleinigkeiten" wie Licht, Geschwindigkeitsübertretung um 100%, Alkohol oder so keinerlei Rolle gespielt haben, mag wohl daran liegen, daß solche Spezialeinheiten immer zu wenig Zeit und zu viel Arbeit haben.

Naja, jetzt fahre ich erstmal für drei Wochen nach Deutschland, ist auch schön da, und die Polizei läßt sich ja auch manchmal interessante Dinge einfallen, also kein Rückschritt. Vielleicht erlebe ich ja an einer der Grenzen auch noch was.

Bis die Tage,
Jan

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