Schluß mit lustig! 16. April 1999
Beginnen wir heute gleich mit einer internen Angelegenheit:
Auswertungen der Reaktionen auf die regelmäßigen Berichte von der Côte d'Azur haben ergeben, daß ein langsamer, nichtsdestotrotz stetiger Rückgang der Antworten verzeichnet werden mußte. Die Redaktion hat daher beschlossen, den bisher verantwortlichen Autor (Anm. d. Red.: Ein fauler, lahmer, unausgeschlafener, unausgeglichener und träger Student (Ha! Student, das sagt doch schon alles, da muß man sich ja nicht wundern, wenn da nix gescheites bei rauskommt ...)) zur Verantwortung zu ziehen und mit sofortiger Wirkung "frischen Wind in die Bude zu bringen", so Sprecher M. Eting. Mark weiter: "Man muß doch mal an die Leser denken. Wenn sie mich fragen, er (Anm. d. Red.: Der ehemalige Autor) ist selbst schuld!"
"Ich habe fertig", kommentierte der Entlassene ebenso ent- wie gelassen, "irgendwann reicht es ja auch mal". Über seine Pläne wollte er sich nicht äußern, "Darüber muß ich erstmal schlafen."
Allein diese Reaktion rechtfertigt in den Augen der Redaktion den drastischen Schritt, den sie nur nach reiflicher Überlegung und schweren Herzens beschlossen und durchgeführt hat.
Der neue Autor, so er denn zusagt, ist Ingenieur bei einer kleinen Lehr- und Forschungseinrichtung im Süden Frankreichs, 30 Jahre alt, kommt aus Deutschland und erfüllt so idealerweise alle Anforderungen an den doch sehr speziellen Posten des Berichterstatters. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit und sind zuversichtlich, daß die Leser in Zukunft mehr in das Geschehen einbezogen werden und an den Ereignissen auch aktiv teilnehmen. Falls Sie (ja, Sie!) es bis hierher geschafft haben, sind sie schon ein guter Kandidat! Wir freuen uns, sie an Bord begrüßen zu dürfen! Echt.
Ich muß ja gestehen, daß ich den 1. April praktisch verpennt habe. Ich hätte natürlich eigentlich irgendeinen Stuß schreiben müssen, den mir dann alle geglaubt hätten, stattdessen ist mir noch nicht mal ein guter Aprilscherz für Eurécom eingefallen. Schande über mich.
Seit meinem letzten Bericht war ich ziemlich viel in Deutschland. Erst habe ich eine ganze Zeit lang in Karlsruhe meine Diplomarbeit fertig geschrieben und mich dabei auf Hamburg gefreut, weil es da so cool ist, und weil ich mit Bernhard ein paar (für mich) neue Kneipen ausprobieren wollte, dann habe ich mich exmatrikuliert und bin einen Tag lang mit einem sehr merkwürdigen Gefühl rumgelaufen, weil das der 30 noch die Krone aufgesetzt hat. Dann habe ich in Hamburg an drei Abenden 15 Filme gesehen, mit neuen Freunden und alten Freundinnen ein ganz astreines Wochenende verbracht und dabei gedacht, daß Karlsruhe doch eigentlich ganz schön ist und unter anderen Umständen durchaus der Ort meiner Wahl sein könnte. Darüber habe ich mich ziemlich erschrocken. Dann bin ich wieder nach Frankreich gefahren, habe über Ostern sozusagen meine Unschuld verloren, fühle mich schon wieder wie zuhause, freue mich über den Sommer, der hier langsam beginnt, und bin sogar schon zweimal mit meinem neuen Fahrrad durch Antibes gefahren, allerdings beim ersten Versuch einer Leuchtturmbezwingung sowohl an der Nord-, als auch an der noch steileren Südwestwand gescheitert.
Credit Agricole, mögen sie pleite gehen, sobald ich weg bin, haben es irgendwie tatsächlich geschafft, knapp 6000FF verschwinden zu lassen, und weigern sich jetzt, danach zu suchen. Mittlerweile kommt mir das schon so normal vor, daß ich mich gar nicht mehr richtig darüber aufregen kann. Die zuständige Frau bei Eurécom hat mir nach mehreren Telefonaten mit dem Chef der CA geraten, vor der Filiale einen Sitzstreik zu machen, etwas anderes fiele ihr sonst nicht mehr ein. Ich bin ja leider nicht ätzend, sonst würde ich nämlich die ausgefeilte Version eines Streiks praktizieren und mich in diese blöde Eingangsmechanik stellen, sodaß gar niemand mehr reinkommt, mit einem Plakat "Vorsicht! CA klaut ihr Geld!". Ich hatte auch schon überlegt, einfach mal zur Polizei zu gehen, und die CA wegen Diebstahls anzuzeigen, aber ich weiß leider nicht, was Diebstahl auf Französisch heißt. Schade.
Jetzt ist gerade die Zeit der Saisoneröffnungen, zum Beispiel haben vor kurzem die (in alphabetischer Reihenfolge) Au-Pair-, Bade- (4.4., ja), Gäste- und Radfahr-Saison begonnen, mit ganz unterschiedlichen Auswirkungen ("anstrengend", "nett", "nett" & "saukalt" in ebenfalls alphabetischer Reihenfolge). Während das Wasser eher abweisend reagierte, waren überproportional viele Gäste sehr zufrieden, eine Einschätzung, die von der übergroßen Mehrheit der Gastgeber geteilt wird. (Radfahren und Au-Pairs in einem Satz zu verbinden, indem ich irgendwelche Attribute gegenüberstelle, das schaffe ich jetzt nicht.)
Ich habe ja ein bißchen Angst, daß ich jetzt wegen meines Jobs das schluffige Leben aufgeben muß, aber andererseits bin ich hier in Frankreich ganz gut aufgehoben, was sich gut an dem Fenster im Büro von Arnd & Jakob zeigen läßt:
Die beiden sitzen den Sommer über immer in einer merkwürdigen Atmosphäre aus Zigarettenqualm und Hitze, weswegen sie eigentlich den kompletten Sommer lang ihr Fenster offen stehen lassen. Über Nacht kommt dann immer wieder ein wenig Sauerstoff rein, sodaß sie den nächsten Tag überleben. Die eigentliche Überraschung kam am ersten kälteren Tag, an dem sie nämlich feststellen mußten, daß sich der Alurahmen des Fensters wegen der Hitze im Sommer so verzogen hatte, daß das Fenster beim besten Willen nicht mehr zu ging. Der erste Wartungstyp, der vorbeikam, murmelte was von "das Fenster schließt nicht", bestellte einfach einen Techniker und ging wieder. Der Techniker kam dann ein paar Tage später mit Hammer und Schraubenzieher rein, drückte zweimal gegen das Fenster und ging mit den Worten "Das wird teuer!" wieder raus. Ein weiterer Techniker zwei Wochen später (ebenfalls mit Hammer und Schraubenzieher bewaffnet) sagte nur: "Puh!". Naja, das Fenster ist jetzt halt offen, und so über den Winter war es bei den beiden im Büro immer verblüffend kalt, trotz Heizung. Zum Glück wird seit Anfang April nicht mehr geheizt :-)
Weil vermutlich niemand verstanden hat, daß ich mit dem neuen Autor oben eigentlich sagen wollte, daß ich jetzt tatsächlich einen Job bei Eurécom habe, sage ich es lieber nochmal explizit: Ich habe tatsächlich jetzt einen Job bei Eurécom. Cool, gell? Ich frage mich ja, warum ich das nicht gleich einfach so hingeschrieben habe, sondern stattdessen irgendwie rumfabulieren mußte, aber so ist das halt manchmal, sorry.
Zu den Gästen (das Jahr hat wirklich sehr gut angefangen) gehören ja bekanntermassen die Gastgeschenke. Nachwievor vermissen wir unsere Badewanne im Garten, und ich bin echt gespannt, wer die wohl mitbringen wird. Ich verlasse mich auf Euch!
Bis die Tage,
Jan
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