Send to Kindle
Hoffnung? Licht am Ende des Tunnels? 3. Mai 1999
Ein verregneter Aprilmorgen in Antibes. Wieder einmal (hoffentlich zum letzten Mal) steht unser Held vor der mittlerweile ja schon vertrauten Filia der CA mitten in Antibes, am hinteren Ende des Platzes, den man nicht umfahren kann. Diesmal ist alles anders: Unser Held steht alleine da, hat sich soeben von einem gebürtigen Narren absetzen lassen und wartet jetzt auf seinen freundlichen Helfer Jamel.
Diesmal ist alles anders. Unser Held ist mittlerweile so desillusioniert, daß es eigentlich nicht mehr schlimmer kommen kann. Er weiß, daß er niemals eine Sitzblockade vor den Toren der feindlichen Festung machen wird, er hat sich damit abgefunden, daß CA das Geld schlicht verloren hat, und daß er diese FF6000 nie zu Gesicht bekommen wird.
Unser Held war am Vortag bei der BNP, Eurécoms Hausbank, um dort ein neues und unvorbelastetes Konto zu eröffnen. Einen Strich unter die Vergangenheit ziehen wollte er dort, ganz neu anfangen und den französischen Banken noch eine Chance geben, wie sich das für einen großmütigen Helden nun einmal gehört.
Natürlich war sein Tatendrang etwas gebremst, nachdem er einen Termin hatte ausmachen müssen, nur um ein Konto zu eröffnen. Aber er war mit dem festen Willen aufgebrochen, nicht gleich von Anfang an die negativen Seiten zu sehen! Unser Held traf den Sachbearbeiter, der viel freundlicher war als sein Kollege bei CA, und der sich sogar die Geschichte vom großen Kampf unseres kleinen Helden gegen den bösen Drachen anhören wollte.
Das Konto wurde trotz fehlender Papiere schnell vorbereitet, Eurécom hielt ihre behütende Hand über unseren Helden, alles schien möglich. "Eurécom schickt Euch zu mir?" - "Ja, ihr seid mir angeraten worden." - "Gütig ist sie zu mir armem Diener, tue ich doch nur meine Pflicht." - "Dennoch sprach sie in hohen Tönen von Euch."
Schließlich wollte der Berater unserem Helden sogar eine Carte Bleu bestellen, und nur ganz nebenbei frage er, ob unser Held jemals Probleme mit Karten gehabt habe. Da fiel es dem tapferen Helden wie Schuppen von den Augen: Die Karte! Der Drache hatte ihm die Karte ja weggenommen und ihn beim Stadthalter von Paris angeklagt!
Der Held lies den Kopf sinken ob dieses Schicksalsschlages, und als der Berater ihm erzählte, daß der Drache beim Stadthalter großen Einfluß habe, und daß die Verurteilung zu zwei Jahren Kartenentzug nicht rückgängig zu machen sei, da wurde dem traurigen Helden wieder gewahr, daß er einsam war in diesem fremden Land, in dem das Geld von Drachen und bösen Stadthaltern bewacht wird. Seine einzige Chance war, den Drachen zu besänftigen, damit er beim Stadthalter um Begnadigung für unseren Helden bitten würde. Eher würde die Sonne im Westen aufgehen oder der Mann im Mond lachen...
Unser Held beschloß, dem Drachen die FF6000 zu überlassen, wenn er dafür nur seine Carte Bleu wiederbekäme, ja er wollte sogar den Drachen für immer in Ruhe lassen und den Fluch wieder von ihm nehmen, den er in einer dunklen Stunde ausgesprochen hatte. Er hatte sich der Verstärkung durch den tapferen Reiter Jamel versichert, einen unerschrockenen Kämpfer, der seine Gegner in Angst und Schrecken fliehen ließ, wo immer er auftauchte.
So steht unser Held nun auf der nassen Straße am vereinbarten Treffpunkt. Kurze Zeit später erscheint der todesmutige Krieger in seiner Rüstung aus feinstem Zwirn und mit einer Waffe, die in eine elegante Ledertasche gehüllt ist. Gemeinsam betreten sie die feindlichen Mauern.
Diesmal ist alles anders. Am Empfang (der wirklich eher die Funktion einer Zugbrücke hat) sitzt heute eine viel jüngere Frau. Ok, sie telefoniert, aber sie sieht überraschend freundlich aus. Wir freuen uns über den Anblick, und als Jamel ihr unser Anliegen schildert, werden wir nicht etwa zu meinem unfreundlichen, blöden, bescheuerten, arschkrampigen, ... ups, entschuldigung. Wir werden also nicht zu dem üblichen Aso geschickt, sondern, man höre und staune, direkt zum Filialleiter, der allerdings erst in einer "kleinen Viertelstunde" verfügbar sei. So verlassen wir die Bank, nehmen ein kleines Frühstück, passend zur kleinen Viertelstunde etwa 20 Minuten lang, und werden dann vorgelassen.
Vom Moment des Betretens der Bank bis zum Ende der Geschichte lächelt Jamel, man stelle sich das bitte nebenher immer vor: Ein ganz leichtes, unscheinbares Lächeln, das irgendwie total beunruhigend aussieht. Wenn man das sieht, wird einem schlagartig klar, warum die Kreuzzüge nicht erfolgreich sein konnten.
Diesmal ist alles anders: Wie durch ein Wunder ist der Filialleiter von Jamels vollkommen neutraler Schilderung der Ereignisse so beeindruckt, daß er schon nach 10 Minuten zugibt, es handele sich um einen Fehler der Bank, man werde selbstverständlich sofort auf die Suche nach dem Geld gehen und es sei ihm furchtbar peinlich, etcetera pp.
Am Ende fragt Jamel sogar noch nach der Carte Bleu, und der Chef versichert, man werde sich darum kümmern, allerdings müsse ja zunächst geklärt werden, wo denn das Geld sei. So richtig zusagen will er nicht, wäre ja auch zu schön gewesen.
Das Problem mit der Carte Bleu läßt sich also leider nicht klären, scheiße. Wenn man bei der Banque de France erstmal als Schuldner registriert ist, dürfen auch andere Banken einem keine Karte geben, die meisten wollen einem noch nichtmal ein Konto aufmachen, wenn man mal soweit ist. Ich bin also keinen Schritt weiter, denn mal ehrlich, wer glaubt denn wirklich, daß CA jetzt nach dem Geld sucht? Von wegen diesmal ist alles anders...
Der Sommer geht ansonsten langsam los, gestern haben wir zum ersten Mal bis spät in die Nacht am Strand gesessen, und es war noch nichtmal so richtig kalt. Heute findet auf der Pitou die große 1.Mai-Party statt, die auch anläßlich der Geburtstage von Karim, Matthias und Irfan jedes Jahr groß begangen wird. In diesem Moment ist das Geburtstags-BBQ wohl bereits im Gange, und gegen Abend wird aus dem BBQ dann eine "richtige" Party. Ich kann mich zwar nicht mehr daran erinnern, wie die Party im letzten Jahr war, oder ob ich überhaupt dort war, aber der Ruf, der ihr vorauseilt, kann sich sehen lassen.
So, jetzt war ich gerade auf dem Cap und wollte baden, aber leider ist ein Hindernis aufgetaucht, oder besser gesagt Tausende von Hindernissen: Feuerquallen! Das Wasser ist randvoll mit ekelhaften Feuerquallen. Buärgs! Jetzt überlegen wir uns natürlich, was man dagegen tun kann. Die erfolgversprechendste Idee ist wohl die mit dem Salz: Es gibt im Toten Meer keine Quallen, also kann man wohl davon ausgehen, daß Quallen kein Salz abkönnen. Ok, schütten wir einfach 20 Tonnen Salz pro Kubikmeter Meer ins Wasser, dann sind die Viecher tot. Das ganze ist sogar umweltverträglich, schließlich kommt das Salz eh aus dem Meer, oder?
So, jetzt bin ich gerade von der Party wieder da, es ist 7 Uhr, und ich geh jetzt schlafen. Nachher erzähle ich dann vielleicht noch, daß die Party der absolute Knaller war. Gut's Nächtle
Was kann man zu der Party sagen? Also erstmal war sie absolut genial. Die Gastgeber hatten darum gebeten, daß sich die Gäste verkleiden, und zwar möglichst im Stile der 30er bis 70er, was natürlich viel Raum für die absurdesten Sachen läßt. Erwähnenswert waren Arnd (mit diesem unglaublichen, hellblauen und viel zu kurzen Anzug und dem rot gemusterten Hemd, brrr...), Alain (als Punk mit Anarchie-Shirt und Stachelfrisur, echt gut), Matthias (als Franzose aus den 50ern) und ein ganzer Trupp merkwürdig angezogener Franzosen, die das mit den 30ern bis 70ern nicht gewußt hatten (hoffe ich mal!) und daher als Biene, komisches Gewächs oder sonstwie angezogen waren. Sehr cool.
Die Roselière hat sich diesmal etwas zurückgehalten, nur Bernhard hatte ein fieses Hemd mit fettem Kragen und eine enge Hose an, und ich bin mit meinem Anzug hingegangen, allerdings mit einem roten Hemd drunter, welches ich a) oben am Kragen weit aufgezogen (und so festgetaped), b) in die Hose gesteckt und c) bis unten offengelassen habe. Dazu hatte ich dann noch schön Gel in den Haaren, Firlefanz in der Tasche und meine roten Badelatschen an, die ja allein schon schlimm genug sind. Kurz: Ich sah aus wie ein Zuhälter aus den 70ern, richtig schön scheiße.
Wir haben bis zum Schluß wie die bescheuerten getanzt, Frauen verkauft und probiert, Bernhard zu verkuppeln, aber er wollte ja nicht, also sind wir um 6 gegangen, um unseren verdienten Schlaf nachzuholen, schließlich sind wir ja alle nicht mehr die jüngsten, nicht?
Selbst Bernhard ist heute erst nach 2 aufgestanden, wir haben auf der Terasse gefrühstückt, und danach sind wir ein paar Stunden mit dem Rad durch Juan-Les-Pins und Antibes geeiert. Die französischen Autofahrer sind gar nicht so schlimm, wie man das vielleicht vermuten würde, im Gegenteil, man kann eigentlich ganz locker auf der Straße fahren, ohne größere Angstattacken haben zu müssen. Ok, sie hupen manchmal, aber das ist eher freundlich gemeint.
So eine Radtour macht Spaß, vor allem wenn der Sommer gerade anfängt und ganz Frankreich auf der Straße ist und flaniert. Das beste ist das "Café de la Porte du Port", direkt am hafenseitigen Stadttor von Antibes, ein herrlich abgewrackter Laden, in dem zwar im Sommer durchaus Touristen sitzen, im Grunde gehört er aber den Säufern von Antibes. Das Café du Port dürfte der einzige Platz in Antibes sein, wo man auch mal auf die Fresse kriegen kann, wenn man sich nicht benimmt. Bernhard liebt den Laden, aber das sagt nichts über seine Psyche aus, glaube ich.
Jedenfalls ist das Café du Port der ideale Ort, um am Ende der Tour schnell noch ein paar Pastis oder Leffes zu trinken, bevor man dann nach Hause fährt und sich maßlos wundert, wie spät es schon ist. Man trifft da sogar öfter Leute, die man vom Sehen von Parties kennt, und wenn man so lässig in einem Café sitzt und Leute begrüßt, die zufällig vorbeikommen, dann fühlt man sich gleich wie zuhause. Ich finde das toll.
Quallen habe ich heute übrigens keine gesehen, dafür aber einige Badende, das macht mir Hoffnung. Vielleicht hat jemand über Nacht die Salzwaffe ausprobiert? Das könnte schon hinkommen, denn neben den kleinen Löffeln, die bei uns in letzter Zeit verblüffend schnell immer seltener werden, kommt auch irgendwie ziemlich viel Salz abhanden. Ist aber ok, ist schließlich für einen guten Zweck.
Bis im Sommer der Besucheransturm losgeht, wird sich das Quallenproblem hoffentlich erledigt haben, obwohl ich nicht so ganz daran glaube, Naja, mal sehen. Die Saison hat übrigens ganz gut angefangen, 15 Leute waren bisher schon da. Wenn man das mal hochrechnet, dann werden im Laufe des Jahres noch gut 40 Besucher auftauchen. Eigentlich wollten wir die magische 50 ja nicht überschreiten, ich bin mal gespannt.
So long also, möge die Sonne
auf eure Köpfe scheinen!
Jan
Hat der Bericht gefallen?
Der neueste: Liverpool
Der meistgelesene: Wofür braucht man eine Gallenblase?
Der lokale: Der Rest von Hamburg - Manchester, UK
Der 10-jährige: 10 Jahre Berichte!
Der schönste: Glockenunken
Send to Kindle