Was für ein Tag! 15. Juni 1999

Mann!

Was für ein Tag!

Heute war einer dieser seltenen Tage, an denen ich wirklich verblüfft bin, wie geil so ein Tag sein kann. Wie klar man manchmal Tage in verschiedene Abschnitte einteilen kann, die so unterschiedlich sind, daß man den Eindruck hat, es wären mehrere Tage gewesen, als hätte man die Ereignisse mehrerer Tage in konzentrierter Form aufgenommen.

Zuerst war da die Episode heute morgen. Ich habe mir den Wecker auf halb 8 gestellt, weil ich mit Bernhard ans Cap fahren und morgenschwimmen wollte. Ich bin tatsächlich aufgewacht, aufgestanden, habe mir meine Badehose angezogen, und dann habe ich gedacht, ich könnte mich eigentlich auch nochmal ins Bett legen, bis Bernhard runterkommt. Naja, so um 9 kam er dann, wollte aber nichtmehr los, weil es schon so spät war, und in der Zwischenzeit habe ich im Halbschlaf davon geträumt, wie wir am Abend davor schwimmen waren. Ich hatte irgendwie das Gefühl, der Tag sei richtig schön sonnig und warm, obwohl das wahrscheinlich gar nicht stimmte.

Als ich um 10 mit dem Auto zu Eurécom gefahren bin, hatte ich schon fast das Gefühl, Salzlippen und Triefnase zu haben, aber auf dem Weg habe ich's gleich wieder vergessen. Ich bin tierisch geheizt, und wahrscheinlich war das so konzentriert und anstrengend, daß ich alles andere vergessen habe.

Die zweite Episode spielte bei Eurécom. Irgendwie war ich heute ziemlich produktiv. Ich habe gemessen, gescriptet und gelesen, nebenbei noch an de.rec.sf.startrek.10vorne gearbeitet und von Arnd gelernt, wie man Cookies macht, also die für's Web, nix zum Essen. Ich war zweimal Kaffeetrinken, vielleicht auch dreimal, aber ich kann mich an keine Unterhaltung mehr erinnern, so als hätte ich den ganzen Tag geschlafen. Zwischendruch ist mir mal aufgefallen, daß es draußen regnet, aber da war gerade irgendwas am Rechner, sodaß das nicht bis an mein Bewußtsein vorgedrungen ist.

Gegen Viertel nach 10 verläßt mich urplötzlich die Lust, ich steige ins Auto und fahre weg. Wieder bin ich offenbar sehr schnell, einmal nehme ich fast einen Bordstein in einem Kreisel mit. Ist aber auch doof, dunkel, Kurven und ich kenne die Strecke nicht, weil ich nach Biot und dann zum La Siesta fahre, wo irgendeine Amerikanerin ihr Abschieds-BBQ veranstaltet. Ich bremse am Strand, steige aus und gehe zum Grill. Mir fällt auf, daß es etwas kühl ist, ich habe aber auch nur Badehose und Hemd an, also ist das kein Wunder. Diese Episode ist relativ unbedeutend, sie muß schon so eine Stunde lang gedauert haben, aber mir kommt sie vor wie in Zeitlupe. Was ist da passiert? Garnichts.

Die Vierte Episode beginnt im Wasser, in dem ich mich plötzlich wiederfinde, gar nicht so kalt. Ich bin baden gegangen, weil Bernhard und Julia auch gegangen sind, war richtig gut. Ich habe nichtmal eine halbe Minute gebraucht, um ins Wasser zu kommen, es scheint wirklich warm zu sein. Wir schwimmen ein wenig rum, die Wellen sind nicht übel, man kann fast Brandungssurfen. Ab und zu wird der Himmel von einem Blitz erleuchtet, manchmal taghell, aber meistens nur hinten am Rand der Alpen, so zehn Kilometer im Norden. Jakob muß bei Eurécom mitten in den Wolken sitzen, das sieht bestimmt irre aus.

Nach der Verabschiedung sitze ich wieder im Auto und heize in Richtung Antibes, leicht zu schnell. Ich höre, wie bei den anderen Fahrten auch, eine neue CD, die Bernhard aus Marseille mitgebracht hat: "Maim That Tune" von Fila Brazillia, eine unglaublich gute Platte. Das Display an meinem Radio wird bei den lauten Stellen dunkler, da ist wohl die Leitung etwas dünn. Naja, macht ja nichts.

Fünfte Episode, die Ankunft an der Roselière: Die Einfahrt ist offen, aha. Über mir ist der Himmel mittlerweile rötlich, die Blitze leuchten jetzt quer über den Himmel. Bernhard geht schlafen und ich beschließe, mich noch ein wenig in den Garten zu legen, ein Bier zu trinken und den Himmel zu begucken. Ich nehme meinen CD-Dingens mit raus und höre nochmal die Fila Brazillia, leider batscht mir ab und an ein Regentropfen auf die Stirn, das ist irgendwie eklig. Diese Episode ist ruhig genug, daß ich mir Gedanken über den Tag mache. Ich stelle fest, daß das gerade aufziehende Gewitter überhaupt nicht in mein Bild dieses Tages paßt.

Das Gewitter ist beeindruckend. Schon vom Strand aus sah es irre aus, wie hinten in den Bergen die Blitze zwischen den Wolken hin und her zuckten, dazu brummelte es dumpf vor sich hin. Jetzt blitzt es schon auf allen Seiten. Die Wolken sind im Süden stockfinster, im Norden fast rot, einige Blitze beleuchten sie von hinten, andere kann ich sehen. Der Wind hat aufgefrischt und zerrt an den Bäumen im Garten. Blätter und tote Äste fliegen durch die Gegend, eine einsame Mücke schwirrt um meinen Kopf, auch irgendwie unpassend.

Das Unwetter kommt näher und ich gebe auf, weil es doch ein wenig naß wird. Ich beschließe, einen Bericht zu schreiben, daß der Tag irgendwie intensiv war. Draußen brummelt ab und zu ein Donner, und auf der Blechgießkanne vor meinem Fenster döngt selten ein Regentropfen, hört sich groß an.

Während ich den dritten Abschnitt schreibe, regnet es schon Hunde und Katzen, die reinste Sintflut. Ich frage mich, wo Jakob wohl gerade ist, hoffe, daß ich alle empfindlichen Sachen reingeholt habe, bete, daß mein Sonnendach nicht wieder leckt, höre Fila Brazillia und Kruder & Dorfmeister, überhole mich jetzt mit den Ereignissen dieses inhaltsreichen Tags und höre deshalb jetzt auf, um noch ein wenig der Musik und dem Gewitter zuzuhören, besonders dem jetzt folgenden Kruder & Dorfmeister Mix von Lamb's "Trans Fatty Acid", der unglaublich genial ist.

Was für ein Tag!

Fasziniert,
Jan

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Wertung: 3.3/5

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