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Jan Exner

22. Oktober 1999

Berichte aus England - Herbst im Paradies

Herbst im Paradies 22. Oktober 1999

¡Hola!

Und hallo nachträglich.

Ich habe schon so lange nichts mehr berichtet, daß ich schon fast ein schlechtes Gewissen habe. Ihr wißt ja gar nicht, ob ich überhaupt noch da bin! Tja, ich bin jedenfalls noch da, keine Panik. Ich habe in letzter Zeit relativ viel gearbeitet, schließlich muß ich noch vor Ende Oktober den Videoserver möglichst weit fertig machen, und der sträubt sich nach besten Kräften.

In der Zwischenzeit hatten wir eine kleine Gästeflut, zum ersten Mal seit über 10 Jahren ist kein Mensch in der Erdumlaufbahn, "The Jans & The Bernhards" funktioniert hervorragend, der Herbst hat angefangen, die Touris sind weg, ich habe den Flipper-Rekord im Café du Port aufgestellt und es wird von Tag zu Tag schöner hier. Ich mag den Herbst, endlich ist die Luft wieder klar und man kann morgens wieder Richtung Strand fahren und bis nach Italien gucken.

Ich weiß nicht, ob wir noch eine Notenstatistik machen werden, wie wir es letztes Jahr getan haben, aber abgesehen von den fehlenden Badewannen kann ich schonmal verraten, daß wir dieses Jahr wirklich Freude an unseren Gästen hatten. Besonders die von Gabi immer wieder aufs Neue initiierten Wasserschlachten haben uns sehr gut gefallen. Gabi hat dabei auf sehr subtile Art und Weise mitgeteilt, daß sie eine neue Schlacht wünscht: Sie hat sich trockene Klamotten angezogen. Darauf muß man ja erstmal kommen, nicht?! Tim & ich haben aber sofort verstanden, was sie sagen wollte, und sind es nicht müde geworden, dieser Aufforderung nachzukommen.

Leider haben wir einen weiteren Verlust zu beklagen: Nach vielen Jahren und noch viel mehr Kilometern hat Jakobs Auto das Zeitliche gesegnet und sich in den Blechhimmel verzogen (gequetscht, haha). Wir werden die Spuren von Hydraulik-Flüssigkeit vermissen und das Tackern des Diesels am Gartentor. Weniger vermissen werden wir die Art und Weise, wie der Wagen am Ende praktisch ohne Stoßdämpfer geschaukelt hat, nee, echt. Bernhard behauptet ja, mein Auto ("La Poubelle", wie Raquel es liebevoll (will ich hoffen!) nennt) würde auch ganz schlechte Stoßdämpfer haben, aber ich finde das nicht. Ich mag mein Auto. So.

Ich komme gerade aus dem Café du Port zurück, wo ich im letzten Spiel leider gegen Bob verloren habe. Das ist aber nicht schlimm, schließlich ist Bob Franzose, und gegen Franzosen beim Flippern zu verlieren ist ok. Franzosen werden nämlich nach der Geburt erstmal in einen Flipper gelegt, später dann in einen Kicker, und alles, damit sie irgendwann mal eine Fußballweltmeisterschaft gewinnen und immer schön die Nanas beeindrucken können. Das mit der WM ist ja jetzt durch, aber es gibt so viele Nanas hier, daß der zweite Grund aller Voraussicht nach niemals hinfällig werden wird.

Wie dem auch sei, die Franzosen sind jedenfalls beim Kickern und Flippern unschlagbar, auch wenn sie gegen die beiden besten Spieler der Roselière (Jaha! Am 29.9. habe ich ca. 418.000.000 (in Worten: Vierhundertachtzehnmillionenundeinpaarzerquetschte) Punkte gemacht, und ich hätte noch einen Ball gehabt, wenn Bernhard nicht beim Stand von 70.000.000 irgendwie einen Reset ausgelöst hätte. Zum Glück haben wir uns beide die Zahl gemerkt.) antreten müssen. Ok, Jakob spielt auch nicht gerade schlecht, lange Zeit hatte er sogar den Hausrekord gehalten. Außerdem spielt er mit viel mehr Elan als Bernhard oder ich, und das zahlt sich natürlich aus, an besagtem Abend hatte er gegen Bob, Bernhard und mich aber keine Chance.

Der Preis für den "kreativen Besucher" geht für 1999 an Cordula und Christoph, die in Antibes im Café du Port einfach auf gut Glück einen der Gäste gefragt haben, ob er Probleme mit der Bank habe. Leider war derjenige dann aber ein Schmied aus Biot und kein deutscher Einwanderer.

Es ist nämlich so: Ich bin nicht dauernd im Café du Port, jedenfalls nicht jeden Tag. Ich bin oft da, ok, aber mehr nicht. Bernhard ist z.B. öfter da, glaube ich. Der Barkeeper grüßt uns jedenfalls beide, und das bedeutet ja wohl, daß Bernhard nicht viel seltener da sein kann als ich.

Aus irgendeinen Grund ist der Wettbewerb um den Baderekord dieses Jahr noch nicht so recht angelaufen. Ich weiß auch noch nicht, ob ich tatsächlich wagen soll, das Vorjahresergebnis zu übertreffen. Mann, war das kalt. Allerdings haben wir schonmal 7m Fockschot (eigentlich ist es eher Großschot, aber das merkt ja eh niemand) gekauft, damit wir trotz frühzeitig abgebauter Leiter wieder aus dem Wasser raussteigen können. Das Sprungbrett ist natürlich auch abgebaut, obwohl das ja nicht so schlimm ist, springt man halt vom Felsen. Naja, vielleicht werden wir es mal testen. Ich könnte mir vorstellen, daß wir dieses Jahr schon ein ganzes Stück reifer und erwachsener sind, aber das mag täuschen. Hoffentlich...

Ich werde echt langsam so richtig zum Angestellten. Ich gehe immer früh zu Eurécom, arbeite den ganzen Tag, und wenn dann endlich Freitag ist, freue ich mich auf den Abend, den Samstag und den Sonntag. Montags bin ich dann schlapp und lustlos. Schrecklich. Routine. Gestern habe ich ja ein geniales Stellenangebot gesehen, bei einer Firma in Sophia, die Software für Strömungsforschung, Earth Imaging und Remote Sensing macht (letzteres sind Verfahren, mit denen man die Erde aus dem All fotografiert und vermißt), perfekt also eigentlich. Da wollte ich natürlich heute gleich mal hingehen, habe also schnell nochmal das Posting angeguckt und dabei mehr nebenbei festgestellt, daß es vom 13 Dezember war. Hm... und außerdem von 1997. Geil. Möge der Admin des Eurécom-Newsservers eine Nacht schlecht schlafen! Grrr... Ich habe trotzdem eine Mail geschrieben, allerdings bisher keine Antwort.

(Kleiner Einwurf: Versuche niemals, zwei Flaschen Rosé zu trinken, wenn Du vorher schon Bier getrunken hast und nicht ordentlich gegessen. Echt. Das ist scheiße. Nicht unbedingt gleich, aber am nächsten Morgen ganz sicher. Auch eine sachte Polyintoxikation hilft nicht unbedingt, im Gegenteil. Mann, hab ich Kopfweh...)

Ich habe ja schon erwähnt, daß ich den Herbst hier sehr gerne mag. Letzte Woche hat es praktisch ununterbrochen geregnet, außer früh morgens, und wenn ich mit Bernhard zur Arbeit gefahren bin, war immer eine irre Sicht, manchmal mit Blick auf den Schnee auf den Bergen. Abends und nachmittags war dann immer krasser Sturm. Ja, das gibt's auch hier, echten Sturm. Der Strand ist komplett voll mit Tang, die Bäume verlieren tatsächlich mal Laub, wenn auch nur wenig. Die Regenschauer sind eigentlich das beste. Angeblich hat es in Nice vorgestern etwa 130mm geregnet, das ist soviel wie in eineinhalb Monaten im Durchschnitt. Die Pfützen auf den Straßen sind teilweise wirklich beeindruckend, und es macht irre Spaß, da voll durchzuheizen. Zweimal haben wir schon gesehen, daß die Flics die Straße nach Grasse gesperrt hatten, vermutlich wegen Regen, oder weil vielleicht ein Baum umgefallen war, wer weiß.

Vermutlich wegen der im Sommer üblichen Trockenheit, vielleicht auch wegen der Hitze oder aus einem noch anderen Grund haben wir hier quasi zweimal Frühling. Die Pflanzen blühen im September tatsächlich nochmal, kurz aber schön. Plötzlich merkt man auch, daß es hier doch Vögel gibt. Sogar die Frösche, die wir längst im tiefsten Matsch auf dem Grund ihres Tümpels vermutet hatten, quaken abends nochmal ein wenig. Wäre die Kälte nicht, könnte man tatsächlich denken, es sei April oder Mai.

Die zwei Nachteile dieser Jahreszeit sind der Vorgeschmack auf die Kälte im Januar und Februar und der Umstand, daß ich Wäsche auf der Leine hatte, die sich jetzt quer durch den Garten verteilt hat und darauf wartet, nochmal gewaschen zu werden. Außerdem habe ich bisher meine Socken nicht gefunden, die ich wahrscheinlich irgendwo in einer Kiste verstaut habe, weil mir die Idee, ich könnte die nochmal brauchen, im Juli völlig lächerlich vorgekommen sein muß.

Bei Eurécom bin ich ja damit schonmal ein wenig aufgelaufen. Cathrine Betrancourt, zuständig für Geldangelegenheiten und nebenbei selbsternannte Sittenwächterin von Eurécom, die normalerweise ganz nett ist, bei passenden Gelegenheiten aber blitzschnell auf den Typ 'unnahbare Nonne' umschalten kann, hat mich vor einer Woche gefragt, ob ich denn immer noch keine Socken tragen würde, es sei doch kalt. Meine Antwort ("Ich weiß nicht, wo die sind, und auf den zwei infragekommenden Kartons steht mein Rechner") hat sie nicht sonderlich befriedigt, oder zumindest glaube ich das, denn sie hat mich nur fassungslos angestarrt. Ich habe dann schnell erklärt, man könne ja hier in Frankreich auch so schlecht Socken in Größe 48 kaufen, aber darauf hat sie nur gemeint, sie wisse schon, wo man suchen müsse und ich solle mir nicht den Kopf zerbrechen. Ich bin ja mal gespannt. Für die anstehende Jobsuche könnte ich ja so ein oder zwei Paar Socken durchaus gut gebrauchen...

Das Mittelmeer übertrifft sich in letzter Zeit selbst. Normalerweise nenne ich es ja "die Mittelpfütze", weil es meistens so spiegelblank ist, daß man sich wirklich nicht vorstellen kann, es sei größer als eine Badewanne, aber in den letzten Tagen geht es mal so richtig aus sich raus. Unsere Badestelle am Cap ist gestern z.B. nichtmal im Traum benutzbar gewesen, die Wellen waren einfach zu heftig. Annähernd jede einzelne Welle kam über den hohen Felsen rüber, und wenn man es geschafft hätte, bis zur üblichen Absprungstelle zu gehen, wäre man nach spätestens 30 Sekunden weggespült worden und mit Sicherheit an der Stelle nicht einmal mit der Leiter wieder aus dem Wasser gekommen. Geil.

Es gibt auf dem Weg ums Cap eine Stelle, an der früher mal eine Flak oder ein Turm gestanden haben muß. Das Fundament ist noch zu sehen, daneben geht es etwa 5m runter bis zur Wasseroberfläche und weil der Punkt relativ weit vorne liegt, ist das Wasser davor auch recht tief. Wir haben also oben auf dem Felsen gestanden, den Sonnenuntergang über dem Esterel beguckt, uns über die Wellen gefreut, die westlich von uns gegen die Felsen gebrandet sind. Die Gischt kam immer wieder bemerkenswert hoch über die Felsen und fiel dann in großen "Brocken" wieder ins Wasser, irre. Man fühlt sich ja 5m über Wasser relativ sicher, selbst bei solchen Wellen, aber irgendwann kamen dann auch mal richtige Wellen, und da sind wir dann doch von der Kante vorne etwas weiter weggegangen, was auch gut war, denn wir wären sonst klitschnaß geworden. Mann, sowas habe ich am Cap echt noch nie erlebt! Jetzt weiß ich auch endlich, warum die den Weg ums Cap jedes Jahr neu bauen müssen; irgendwo hat auch Beton keine Chance mehr...

Apropos keine Chance: Jamel und Jakob sind auch in die Mühlen der französischen Bankbürokratie geraten. Jakob hat glücklicherweise noch rechtzeitig mit seiner Bank geredet und eine Art Überziehungskredit zu völlig absurden Konditionen aushandeln können, aber Jamel ist ebenso überrascht worden wie ich damals. Wenn man in Frankreich mal einen Monat lang kein Geld bekommt, muß man echt verdammt aufpassen...

Tja, soweit also mein letzter Bericht als Mitarbeiter bei Eurécom. Ich finde es ja schade, daß ich da nicht mehr arbeiten kann, aber wer weiß, vielleicht wird der nächste Job ja auch gut (, und sicher wird er lukrativer). Nächstesmal kann ich also vermutlich von den Irrungen und Wirrungen der Jobsuche in Frankreich berichten, ich bin jedenfalls schon sehr gespannt.

Bis bald also,
Jan

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