Butterfahrt 25. Oktober 1999

Gleich nochmal Hi!

Als ich am Sonntag den Bericht abgeschickt habe, war mir schon irgendwie klar, das noch was fehlte. Ich wußte aber nicht, was das sein sollte, also habe ich ihn einfach trotzdem losgeschickt. Mittlerweile ist es Montag, bzw. strenggenommen schon Dienstag, und ich weiß jetzt, was noch fehlte: Eine Butterfahrt.

Aber von vorne...

Bernhard hatte mich schon relativ früh gefragt, ob ich lange würde arbeiten wollen, und weil ich noch vom Morgen total müde war (Wir haben um halb 8 (eher um Viertel nach Sieben) Arnd am Bahnhof abgeholt, weil sein Auto bei Orange verreckt ist und er mit dem Nachtzug zurück fahren mußte), habe ich einfach "früh" gesagt. Weil Bernhard Ende das Jahres für ein paar Wochen nach Chile fährt, war ihm ein Film im Kino in Antibes aufgefallen, der sich eher wie ein Diavortrag anhörte, aber eben ein Diavortrag über Chile. Naja, haben wir gedacht, gehen wir da halt mal hin. Kurze Fahrtzeitberechnung ergab eine Abfahrt um 18:45 rum, weil wir noch kurz zu Carrefour wollten. Letztendlich waren wir viel zu früh bei Carrefour, haben da rumgetrödelt, waren dann viel zu früh wieder im Auto, sind erstmal nach Hause gefahren, haben rumgetrödelt, dann hat im perfekt unpassenden Moment Bernhards Vater angerufen, wir sind zu spät los, Richtung Kino geheizt, haben satte zwei Minuten für den Weg gebraucht (inklusive Einparken) und waren natürlich wieder viel zu früh da. Also haben wir uns vor dem Kino gegenseitig Ponyhof-Geschichten aus unserer Jugend erzählt und dabei glatt wieder die Zeit verpennt, haben uns also erst zu spät an der Kasse angestellt. Dann wollte das Kino keine Carte Bleue nehmen, also mußten wir zum Geldautomaten spurten und wieder zurück, und selbstverständlich im Saal dann wieder warten. Welch Kombination. Super.

Im Saal saßen etwa zwei- bis dreihundert Leute in einem Alter, das man für solche Vorstellungen halt erwartet, vielleicht sogar noch etwas älter. Eigentlich war das Durchschnittsalter etwa zwischen zweimal Jan und dreimal Bernhard angesiedelt, aber naja, macht ja nix. Komischerweise stand vorne vor der Leinwand ein kleiner Tisch mit einem Mikrofon drauf und einem Mischpult daneben, und als irgendwann ein Typ mit Halbglatze und Bart anfing, vorne zu erklären, sein Vater habe vor fast zwanzig Jahren eine großartige Idee gehabt, und er und seine 8 Geschwister würden sie jetzt in die Tat umsetzen, indem sie Filme zeigten über Regionen der Erde, die sie live kommentierten, da schwante uns, daß der das ernst meint.

Der Knaller war dann der Film selber: Ein Zusammenschnitt von Super-8 Aufnahmen, auf denen hauptsächlich Berge, kauende Tiere, tanzende Dörfer und getragene Marien zu sehen waren, manchmal webende, spinnende und flickende Frauen und ab und zu ein Jeep, untermalt mit Panflötengetute und der Stimme dieses Typen, der dauernd irgendwelchen Blödsinn erklärte (z.B. daß dieses und jenes das jeweils größte, älteste oder sonstwie tollste seiner Art sei, daß es in Chile weniger Analphabeten gäbe als in den USA und solche Geschichten). Der Typ hat live erzählt und sich dabei höchstens dreimal versprochen, gut einstudiert. Was Bernhard am meisten geärgert hat, war die Tatsache, daß der Film wie ein Erdkunde-Film von 1970 aussah. Er hatte sich ja schon irgendwie gewünscht, ein paar aktuelle Bilder zu sehen. Naja... war schon komisch.

Irgendwann ging das Licht an, und der Typ verkündete, in wenigen Minuten gäbe es noch den zweiten Teil (über den Süden und "Antarctica") zu sehen, vorher mache man aber eine kleine Pause, er habe da auch einen Informationsstand aufgebaut, an dem man ihm Fragen stellen könne. Er würde übrigens ab und an Reisen nach Chile veranstalten und man könne ihm seine Adresse dalassen, wenn man interessiert sei. Aha. Dann zeigte er noch einen Fotoband, der der einzige französischsprachige Bildreiseführer über Chile sei, und bei ihm für FF100 (statt der im Laden üblichen FF160!) zu erwerben. Als er dann noch eine Kassette mit Indiomusik hochhielt (den "Soundtrack" zu seinem Film), wurde uns schlagartig klar, daß wir in eine Verkaufsveranstaltung geraten waren. Zehn Sekunden später hatten wir das passende Wort gefunden: Butterfahrt. Wir waren auf einer Butterfahrt im Kino in Antibes. Sehr eigenwillig...

Nach den ersten Minuten, in denen diese Information sich den Weg in ein paar Millionen staunende Neuronen bahnte, und in denen wir fassunglos grinsten (wir hätten so gerne unsere eigenen Gesichter gesehen...) (wirklich fassungslos), wurde uns klar, daß es nur einen Ausweg gab: Schnell weg, ins Café du Port, ganz schnell.

Wir haben uns also rausgeschlichen, über die immerhin FF45 Eintritt und diesen Arsch geärgert, und darüber, daß wir darauf auch noch reingefallen sind. Naja, aber eine Erfahrung war es allemal. Ich hätte nie gedacht, daß ich nochmal eine Butterfahrt machen würde, und schon gar nicht in einem Kino.

Im Café du Port war es aber auch irgendwie merkwürdig, lauter total kaputte Typen, schlimmer als sonst, und dann fing auch noch der Alte an zu singen und zu klampfen, der bei der Fête de la Musique mit Stromgitarre ja ganz nett, mit Naturklampfe aber eher nervig war. Wir sind nach draußen geflüchtet, kurz bevor er auf einer Bank sang, leider ist er aber dann nach ein paar Minuten wohl rausgeflogen, und weil er dann draußen genau vor uns stand und weiterklampfte, sind wir lieber nach Hause geflüchtet, haben noch ein wenig Käse und Brot gemampft, Musik gehört, Spanisch gelernt (was für eine Sprache...) und sind dann ins Bett verschwunden. Komischer Tag...

Bei Käse fällt mir ein, daß es wirklich erstaunlich ist, wie unterschiedlich diese Dinger riechen können. Es gibt Käse, der riecht praktisch nach nichts und schmeckt gut, aber es gibt auf der anderen Seite der Skala auch welche, bei denen sich einem die Nase krümmt, z.B. der Pont l'Evêque, der ein wenig wie Unterelbschlick riecht, oder der Käse für die ganz harten, korsischer Käse, der ziemlich genau in einem Asterix-Comic beschrieben wird. Der stinkt wirklich erbärmlich, weswegen wir ihn kurzerhand "Korsenscheiße" getauft haben. Schmeckt aber göttlich, das Zeug.

Naja, jetzt muß ich mal langsam schlafen, damit ich die vielfältigen Eindrücke dieses verwunderlichen Tages zu Traumfutter verarbeiten kann, und ich verspreche auch, daß ich jetzt erstmal nichts mehr schreibe, ehrlich.

Bonne Nuit,
Jan

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