Kalt ist es im Winter... 10. Dezember 1999

Tachchen Zusammen!

Wie waren die Leoniden?

Sicher habt ihr alle in der Nacht vom 17. auf den 18. November die Leoniden beobachtet, oder? Nicht? Warum nicht? Zu kalt? Alla, das kann ich bestätigen, es war abartig kalt. Letztes Jahr habe ich mit reichlich dicken Klamotten in zwei Schlafsäcken bei uns im Garten gesessen und immerhin eine Stunde durchgehalten, aber es hat mich schon geärgert, daß ich wegen des hellen Himmels nur die ganz fetten Brocken sehen konnte, also mußte es diesmal ein Berg sein.

Wir haben knapp nordwestlich von Gourdon auf etwa 1100m eine Amateursternwarte, direkt daneben eine große, flache Wiese, perfekt also, nur etwas sehr hoch und damit bestimmt auch sehr kalt nachts um 3. (Diese blöden Meteoriten sieht man ja immer bloß nachts.)

So um 2 sind Bernhard und ich mit allem, was wir an warmen Sachen hatten losgefahren, haben noch schnell Guillermo und Ricardo abgeholt, die lange nicht so gut ausgerüstet waren (leider), und sind dann hoch auf den Berg, wider besseres Wissen, weil es da schon saukalt war, vom Wind ganz zu schweigen.

Oben angekommen haben wir sofort bemerkt, daß die beiden Spanier so nicht lange durchhalten würden, also haben wir unsere Decken und Schlafsäcke aufgeteilt und es uns mehr oder weniger bequem gemacht.

Ich habe meinen Fotoapparat aufs Stativ gestellt und ein bißchen rumfotografiert, dann wollte Guillermo mit seiner Kamera ein paar Bilder machen, das ging aber nicht, weil es zu kalt war. Meine daraufhin aufgestellte Videokamera hat ziemlich genau 20 Minuten durchgehalten, dann waren die Akkus alle. Kälte. Es lebe die vollmechanische DDR-Kamera...

Um 3 Uhr rum wurden die sporadischen Ausrufe ('¡joder!') neben mir seltener, weil man mit dem Rufen gar nicht mehr nachgekommen wäre, so viele Leoniden schnuppten über den Himmel. Ich war echt baff, sowas habe ich noch nie gesehen. Zeitweise waren ganz locker mal drei oder auch vier Meteoriten gleichzeitig zu sehen, und die Spuren der größeren glühten wunderbar grün nach.

Wir haben sogar zwei Boliden gesehen, das sind ganz große Brummer, die so hell sind, daß man Schatten auf dem Boden sehen kann, wenn man will. Die Spur des hellsten sah man noch über eine Minute später leuchten, irre.

Diesmal habe ich auch sehr gut den Radianten erkennen können, das ist der Punkt, aus dem die Schnuppen zu kommen scheinen, und der ihnen den Namen gibt. Die Leoniden kommen z.B. aus dem Sternbild Löwe, die Perseiden im August aus dem Perseus. Das sieht natürlich nur so aus und liegt an der Flugbahn der Erde, aber es sieht beeindruckend schön aus. Ein relativ großer Brocken muß ziemlich genau auf uns zu geflogen sein, denn man sah ihn nur heller werden, nicht aber sich bewegen. Bei solchen Gelegenheiten sollte man nicht an 'Die Entdeckung des Himmels' denken...

Ich habe meine Fotos tatsächlich entwickeln lassen können, die Leute vom Fotoladen bei Carrefour sind echt gut. Ich habe daraufhin beschlossen, sowas öfter zu machen und die Bilder auf eine Webseite zu legen, damit sie niemand dort ansieht, weil das ja eh niemanden interessiert :-)

Am Ende waren wir etwas länger als eine Stunde da oben, haben uns im wahrsten Sinne des Wortes den Arsch abgefroren, weil wir unsere Schlafsäcke ja teilen mußten, und mußten dann auch noch einen total beknackten Franzosen ertragen, der uns etwa dreimal gefragt hat, warum wir eigentlich da oben wären. Beim letzten Mal war Bernhards Antwort schon fast unhöflich, und der Typ hat sich dann auch endlich verzogen, leider aber vorher erstmal 5 Minuten seine Scheinwerfer angemacht und uns satt geblendet. Was für ein Idiot.

Ich finde es schade, daß die Leoniden jetzt wohl erstmal nicht mehr so spektakulär werden, aber wer weiß, vielleicht wird's ja doch wieder was im nächsten Jahr, warten wir mal die Vorhersagen ab.

Was mache ich ab Januar?

Diese Woche wird sich entscheiden, wo ich ab Januar arbeite. Zur Auswahl stehen im Moment eine etwas größere finnische Firma, und eine kleine Startup direkt hier nebenan, bei der ich der zweite Angestellte wäre. Leider zahlen beide nicht so toll, aber das macht nichts, ich bin ja schließlich nicht nur wegen des Geldes hier, nicht?

Die dritte Möglichkeit, ebenfalls bei einer Startup hier in Sophia, hat mir nicht so zugesagt, also erwähne ich sie nicht weiter, ebenso wie die Anfrage einer Consulting-Firma hier in Sophia, oder die Absage für den Job als 'Unix-Dialin-Operator', bei dem mich ja mal interessiert hätte, was das sein soll.

So wie es aussieht, wird es wohl e-acute werden, ich werde also in Zukunft für den Palm programmieren. Das finde ich gut, denn das wollte ich schon immer mal tun. Cool.

Wie heißt das Lieblingsspiel der französischen Arbeitnehmer?

Völlig klar, es heißt 'Streik'.

Von den Lastwagenstreiks hört man ja manchmal in Deutschland, hier wirken sie sich meistens hauptsächlich auf die Tankstellen und damit die Verfügbarkeit von Sprit aus, unspektakulär aber wirksam. Die Post hat bis vor ein paar Tagen einen Bummelstreik gemacht, ehrlich gesagt ist mir aber der Unterschied nicht aufgefallen. Die Feuerwehrleute streiken schon seit Wochen, was jetzt nicht heißt, daß hier alles abbrennt, nein, nein. Sie fahren ganz normal ihre Einsätze, haben aber 'en grêve' auf alle Wagen gemalt, also 'wir streiken'. Das ist natürlich mal was neues für uns Deutsche, sowas gibt's bei uns nicht.

Es gibt ja in Frankreich nicht einen Dachverband der Gewerkschaften, sondern mehrere, die völlig unabhängig voneinander streiken und auch nur für ihre jeweiligen Mitglieder die Konditionen aushandeln. Das ist erstmal ganz cool, führt aber auch dazu, daß ab einer gewissen Betriebsgröße (z.B. bei der Bahn oder auch bei Air France) eigentlich permanent irgendjemand streikt. Das wiederum führt dazu, daß diese Streiks nicht sonderlich auffallen (, außer vielleicht Hugi, der mußte nämlich schon mehrmals mit der Bahn nach KA zuckeln, weil Air France nicht fliegen wollte).

Warum ich also jetzt darauf komme? Neulich haben Bernhard und ich morgens auf dem Weg zur Arbeit mal wieder Radio gehört. Kiss FM, um genau zu sein, einen Sender mit ganz viel Kirmeßtechno und so modernem Zeugs. Ich hatte vorher gar nicht gewußt, daß die auch Nachrichten haben, aber scheinbar ist das Programm morgens ganz anders als abends. Wie dem auch sei, die Nachrichten bestanden zu etwa 80% aus einer langen Aufzählung darüber, wer gerade warum streikt, das war echt beeindruckend.

(Bild vor meinem inneren Auge: Familie Leroc am Frühstückstisch, Mutter Leroc braucht Hilfe: 'Sohn, mähst Du nachher den Rasen?', Sohn Leroc will eigentlich lieber Comics lesen, antwortet also sinngemäß 'Ich streike.', daraufhin bietet Mutter Leroc FF20, Sohn Leroc hat aber immer noch keine Lust. Plötzlich greift Tochter Leroc in das Geschehen ein, weil sie sich ausgerechnet hat, daß mit FF50 der Pulli in greifbare Nähe rückt, mit dem sie den ebenso schönen wie von allen Mädchen umworbenen Francois becircen will. 'Ich mache es für FF100' bietet sie an, denn sie hat gelernt, daß man hart verhandeln muß. 'Streikbrecher!' ruft Sohn Leroc und will sie aus der Küche schubsen, wird aber von Vater Leroc zurückgehalten. 'FF100? Die fressen uns die Haare vom Kopf!' seufzt Mutter Leroc, 'das kann ich Dir nicht zahlen, Kind'. Sie weiß natürlich, was jetzt kommen wird, und nach einer Viertelstunde beinharter Verhandlung ('100!', '30', 'ok, 80, ja?', 'nein, 30', 'Ich mach's für 70', 'Du bist gemein! Ich auch!', 'ok, wer macht's für 40?', '60, bitte', '40', '50, und ich hänge morgen die Wäsche auf', ...) greift Vater Leroc, Staatsoberhaupt und Vermittlungsausschuß in einer Person, mit einer endgültigen Entscheidung durch: 'Tochter, hier hast Du FF50. Nun aber los Kinder, ab in die Schule!'. Tja, so kommt es, daß die Franzosen schon im Kindesalter lernen, wie man effektiv streikt.)

Bullshit Bingo

Bullshit Bingo ist ein Spiel für langweilige Meetings. Man nimmt einen Zettel, malt 25 Kästchen drauf und schreibt typische Schlagwörter in die Kästchen, wie z.B. 'Netzwerkbereich', 'Linux-Boom', 'Wir müssen ins Internet' oder 'Server-Lösung'. Während des Meetings spielt man ganz normal Bingo, kreuzt also die Kästchen an, wenn jemand das Wort benutzt. Hat man eine Reihe oder Spalte voll, ruft man laut "BULLSHIT!" und hat gewonnen. Ein Riesenspaß für die ganze Familie.

Soweit war das wohl den meisten schon bekannt, aber ich denke, man könnte auch Varianten spielen mit jeweils angepaßten Begriffen. Da fallen mir z.B. ein

'Vorstellungsgespräch Bullshit Bingo'
'Was denken sie, warum sollten wir sie einstellen?', 'Gibt es etwas, worüber sie sich aufregen?', 'Wie schätzen sie ihre Fähigkeiten als Entwickler ein?', 'Sie haben drei Wünsche, was würden sie an sich selbst ändern?', ...
'Dinner Bullshit Bingo'
'Hmm... das ist aber gut!', 'Ach, ist das Kardamom, was ich da herausahne?', 'Sehr interessant, wirklich.', 'Das ist ja mal was ganz neues', ...
'Beziehungs Bullshit Bingo'
'Du verstehst mich nicht', 'Du hörst mir nie zu', 'Denk doch auch mal an mich', 'Ich brauche etwas Zeit', 'Natürlich liebe ich Dich noch', ...
'Urlaubs Bullshit', mein Favorit, auch 'Korfu Bullshit' genannt
Es gibt nur ein Feld, 'Adressen tauschen'.

Falls jemand noch mehr Bullshit Bingo Ideen hat, nur her damit, ich freue mich über gute Spiele.

Apropos Vorstellungsgespräch...

Die Fragen habe ich tatsächlich genau so beantworten sollen, wobei ich das Gefühl hatte, meine Antworten seien ausweichend und unbefriedigend gewesen, aber die Fragesteller sahen das doch anders. Verrückte Welt.

Vorstellungsgespräche sind echt komisch. Ich bin zum Glück arrogant genug, mich nicht zu sehr davon beeindrucken zu lassen, weil ich ja immer annehme, daß es im Grunde genügend Jobs gibt, die ich machen könnte. Trotzdem ist die Situation echt dubios. Da sitzt man jemandem gegenüber, den man nicht kennt, und man soll irgendwie darstellen, daß man wichtig sein könnte für eine Firma, von der man im Grunde noch nichtmal weiß, was man dann da genau machen soll. Klar, dafür gibt es Probezeiten, aber merkwürdig ist es trotzdem. Ich mag es einfach nicht, mir Antworten auf 'Wie gut sind sie denn als Entwickler?' oder 'Warum könnten sie für uns wichtig sein?' aus den Fingern zu saugen. Ich verstehe auch nicht, was der Fragesteller damit bezweckt. Will er wissen, ob ich schamlos lügen kann? Kann ich. Will er wissen, ob ich nervös werde, weil ich mich ertappt fühle? Werde ich nicht. Will er wissen, ob ich mich traue, 'weiß ich doch nicht' zu sagen? Traue ich mich. Ist das was besonderes? Nö, finde ich nicht.

Vielleicht sind solche Fragen eher Relikte, keine Ahnung. Ich könnte sie ja auch noch verstehen, wenn ich mich für einen Posten als Consultant oder im Marketing bewerben würde, aber als Entwickler? Naja, egal, ich bin ja wie gesagt nicht auf so einen Firlefanz angewiesen und komme alleine deshalb wahrscheinlich in solchen Gesprächen schon selbstbewußt genug rüber. Cool. Man sollte sich nur auf Jobs bewerben, die man nicht ernst nimmt...

Sind Deutsche pervers?

Ich habe seit ein paar Wochen einen (nein, zwei) Zähler auf meinen Webseiten, weil mich ja doch mal interessiert hat, wer sich so meine Seiten ansieht, und vor allem warum. Auslöser waren ein paar dubiose Mails von mir gänzlich unbekannten Leuten, die mich z.B. aufforderten, meine Seiten zu löschen (meine Nachfrage, was das solle, wurde nie beantwortet, Anonymität im Internet at its best...).

Mittlerweile weiß ich, daß mir ein schwerer Fehler unterlaufen ist. Ich hatte nämlich vor zwei Jahren mal die fixe Idee, man könne unauffällig 'Werbung' für seine Homepage machen, indem man alle möglichen Reizwörter darin unterbringt, und sie dann so an die gängigen Suchmaschinen verfüttert. Naja, mittlerweile ist mir das schon fast unangenehm, wenn man z.B. meine Seiten gleich als erste bei der Suche nach 'porno+crack' auf Altavista angeboten bekommt, oder als Nummer 18 der Treffer bei der Suche nach 'kinder porno', ebenfalls bei Altavista, bzw. als Nummer 23 der gleichen Suche bei Fireball. Nur schade, daß ich nicht noch 'MP3' reingeschrieben habe, aber das gab's damals wohl noch nicht...

Tatsächlich kommen die meisten mir unbekannten Leute genau über Suchbegriffe dieser Art auf meine Seiten. Die Methode wirkt also, und ich will jetzt auch nicht zu pc sein, das wäre ja albern. Erwähne ich also noch kurz, daß ich mich natürlich von Kinderpornos distanziere, und daß ich die Begriffe mittlerweile rausgenommen habe, und schon bin ich aus dem Schneider.

Soweit mein Vorweihnachtsbericht, der letzte von Eurécom, diesmal wirklich, weil ich wohl Mittwoch schon bei e-acute anfange. Ich wünsche allen ein schönes Fest und eine aufregende Jahr-2000-Party. Ich bin ein bißchen enttäuscht, wie wenig Silvestereinladungen ich bekommen habe, aber die wahre Party ist ja eh erst 366 Tage später, also mache ich mir keine Sorgen. :-)

Schön kalte Grüße,
Jan

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