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Korsika

Korsika

Endlich habe ich mal wieder Ferien gemacht, 'richtige Ferien' sogar, mit Wegfahren und so. Man könnte natürlich das Fescht mitzählen, aber das ist ja jedes Jahr, und irgendwie läuft es bei mir eher unter 'Ausflug', keine Ahnung warum.

Jedenfalls hatte ich irgendwann im Juli oder August mit einer Kollegin von Eurécom verabredet, eine Woche nach Korsika zu fahren. Das war, als die Planung für 'September' in meinem Kopf noch etwa den gleichen Stellenwert hatte wie die Planung für z.B. Silvester 2000/2001 oder die Reisen der Enterprise, infolgedessen hatte ich es zwei Wochen später schon wieder vergessen.

Weil es aber an sich eine gute Idee war, und weil mein neues Auto letztendlich doch länger auf sich warten ließ, hatte ich auf einmal genügend Zeit, Cristina hatte auch frei, und so sind wir nach ausgiebiger Vorbereitung (zu Carrefour, eine Italien-Karte und eine von Korsika kaufen, sowie etwas Baguette und viel Wasser) einfach mal losgefahren, an einem ganz normalen Mittwochabend um 9.

Donnerstag

7:00, 10 Stunden später, wir sind in Livorno.

Was sich am Abend noch nach einem guten Plan angehört hatte ("Au ja, laß uns die Küstenstraße fahren!"), erweist sich als ziemlich anstrengend und langwierig. Die letzten zwei oder drei Stunden habe ich geschlafen.

Immerhin fuhr eineinhalb Stunden später eine Fähre, und einmal an Bord haben wir uns auch sofort in Liegestühle gelegt und gepennt, die ganze Fahrt lang.

Die Fährgesellschaften verpassen übrigens jedem Auto während der Überfahrt einen Aufkleber hinten im Fenster, deswegen sieht man so oft Autos mit gelbem 'Corsica Ferries 2000' Aufkleber. Die Jungs von unserer Fähre haben sogar einen kleinen Bereich meiner Heckscheibe gesäubert, bevor sie den Aufkleber angebracht haben, deswegen ist er mir überhaupt nur aufgefallen, ansonsten ist der von Moby Lines nämlich sehr unauffällig blau auf durchsichtig.

Ich habe herausgefunden, warum die Korsen diesen Ruf haben, ein ganz spezielles und eigenbrötlerisches Volk zu sein: Alle beschilderten Wege nach Korsika enden im Wasser! Man kann da nicht einfach so hinfahren, und wenn ich's nicht besser wüßte, würde ich denken, die machen das mit Absicht...

In Bastia angekommen, fahren wir gleich nach Norden weiter, Bastia ist nicht sehr schön. Wir baden an einem der nördlichsten Strände Korsikas und fahren dann weiter nach Ile Rousse, immer an der steilen Küste entlang, mann, ist das schön.

Ich war als Kind schon zweimal auf Korsika, irgendwo in der Nähe von Ile Rousse, ich kann mich zumindest noch daran erinnern, daß wir da auf den Schienen der korsischen Eisenbahn schonmal hingelaufen sind. Und siehe da, der Bahnhof in Ile Rousse sieht ziemlich genau so aus, wie ich das in Erinnerung habe.

Ich rufe meine Eltern an, weil ich mich nicht mehr genau erinnern kann, wann ich wohl hier war, das muß so zwischen 14 und 17 Jahre her sein, leider ist aber nur der Anrufbeantworter dran. Ich würde gerne wissen, wo genau zwischen Ile Rousse und Calvi wir damals waren und was wir noch so an netten Sachen unternommen haben.

Ebenfalls per Anrufbeantworter teilt mir meine Mutter etwas später mit, sie könne sich auch nicht mehr so genau erinnern, das wäre irgendwo zwischen Calvi und Ile Rousse gewesen und müsse so 20 bis 30 Jahre her sein. Naja, so alt bin ich dann aber doch nicht.

Die korsische Eisenbahn: Ich erinnere mich daran, damals erklärt bekommen zu haben, daß die Korsen noch keine Schienen biegen konnten, als sie die Bahn gebaut haben, also haben sie sie einfach in den Kurven leicht schräg aneinander gelegt. Das sieht cool aus — etwa so: \_ — und ergibt ein sehr interessantes Fahrgefühl, ziemlich schaukelig.

Schienen mit eckigen Kurven auf Korsika

Ich meine mich zu erinnern, daß bei dem Bahnausflug damals auf dem Hinweg ich und auf dem Rückweg fast der komplette restliche Zug kotzen mußte, aber ich bin mir nicht mehr sicher, und schön ist das ja auch nicht.

Von 8 bis 10 gehen wir spazieren, vorbei an einem Hotel mit 'complet'-Schild ("leider ausgebucht"), denken uns aber nichts dabei. Ile Rousse ist klein und nett, die meisten Touris scheinen auch schon wieder weg zu sein, hat man den Eindruck, es ist sehr ruhig.

Leider täuscht der Eindruck, denn von 22:00 bis ungefähr 4:00 müssen wir feststellen, das jedes einzelne verdammte Hotel zwischen Ile Rousse und Calvi ausgebucht ist. Wir landen am Ende auf einem Campingplatz und schlafen im Auto, immerhin hat so ein Campingplatz Klos und Duschen.

Auf dem Weg finde ich sogar noch den Ort wieder, in dem wir damals gewesen sind, Marina St. Ambroggio, mittlerweile scheinbar etwas gewachsen, aber der Hafen sieht noch aus wie früher. Das große Becken mit den Kröten, die hinter dem Hotel immer Krach gemacht haben, ist allerdings weg.

Freitag

Heute sind wir schlauer: Wir fahren direkt nach dem Aufstehen zurück nach Ile Rousse und gucken nach einem Zimmer. Es klappt, und wir fahren ganz in Ruhe den ganzen Tag lang durch die Berge, vorbei an großen, abgebrannten Flächen und ganz vielen Kühen, in die Wolken rein und wieder raus, durch Dörfer und Wildnis.

Korsische Kühe sind unhöflich. Sie antworten nicht, wenn man sie grüßt, sie geben einem keine Auskunft, wenn man sie nach dem Weg fragt, Zigaretten wollen sie nicht kaufen oder Alkohol, und nichtmal Kaugummi kann man ihnen anbieten. Dabei könnten sie letzteres doch wirklich gut gebrauchen, sie kauen ja den ganzen Tag nur dußlig rum! Sie gucken einen treudoof mit ihren großen, wäßrigen Augen an, egal was man ihnen sagt.

Allgegenwärtig auf den Strassen Korsikas - Kühe. Die sitzen wirklich einfach überall rum.

Als ich einer etwas intelligenter aussehenden Kuh erklären wollte, daß die Erde nicht nur rund ist, sondern auch noch um die Sonne kreist, nicht umgekehrt, ist sie einfach weggetrottet. Ok, mir soll's recht sein, dann eben nicht, sollen sie halt auf meinem Teller landen, ich hab's versucht.

Am Nachmittag sitzen wir eine Zeitlang in einem Straßencafé zwischen anderen Touristen und ein paar älteren Korsen, die in Aussehen und Sprache doch sehr an Italiener erinnern.

Um 10 liege ich im Bett und schlafe. Wow, ein Bett.

Samstag

Calvi ist auch nicht wirklich schön, wir frühstücken ein wenig auf der Mauer der Zitadelle, sehen den Zug am Bahnhof stehen und fahren dann weiter nach Süden, erstmal an einen Strand.

Gegen 8 (also 20:00) kommen wir auf dem Col de Vergio an, auf 1464m, dem höchsten befahrbaren Paß auf Korsika. Wir warten die Dämmerung ab, und ich gucke mir ein paar Sterne an, der Himmel ist dunkel wie nie, dann geht der Mond auf.

Die Straße zum Col geht durch den Forêt d'Aitone, einen irren Pinienwald mit beeindruckend großen Bäumen und herrlich steilen Abgründen neben der Straße (das ist das beste an ziemlich vielen Straßen auf Korsika), von denen man bei der Fahrt wieder runter zum Glück nicht so viel sieht.

Ich kann mir mittlerweile sehr gut vorstellen, was die Leute zum Wandern in solche Gegenden zieht. Die Gegend um den Col de Vergio und den Monte Cinto herum ist schon fast betörend schön, ebenso die Wälder um Corte herum, die weiter südöstlich liegen.

Korsika ist so ein kleines bißchen wie 'Amerika mitten in Europa', so grandiose Landschaften habe ich bisher nur in den USA gesehen, z.B. den Yellowstone National Parc, die Redwood Wälder nördlich von San Francisco, das Death Valley, den Joshua Tree National Parc oder den Grand Canyon, bzw. im äußersten Nordosten Polens, fast an der Grenze zu Rußland. Ok, vielleicht liegt das auch daran, daß ich noch nicht so viel gesucht habe.

Sonntag

Das Hotel in Evisa ist ganz normal, bis auf die Show am nächsten Morgen: Irgendein Kind des offensichtlich familienbetriebenen Hotels scheint irgendein Auto mit Farbe angemalt zu haben (vielleicht meins? Ich bin zu faul zum Aufstehen...), und zwischen 8 und 11 verfolgen wir live die Erziehung eines typischen Bergbewohners...

Die Tante oder Großmutter nimmt ihren Erziehungsauftrag sehr ernst, verdrischt den Kleinen erstmal und kreischt dann etwa drei Stunden lang immer wieder die gleichen Sachen, "Warum machst Du solchen Blödsinn?!!!", "Was hat Dich bloß geritten?!!!", tauscht sich mit der Mutter aus "Er sagt er war's nicht. Aber wer denn dann? Diese Kinder!!!!", verhört den Kleinen "Du redest jetzt! Ich zähle bis 3!! Wer war es? 1 ... Wer war es?! 2 ... Wer WAR ES?!!!!!", sperrt ihn schließlich in eine Hütte ein, 'für den Rest des Tages!', und keift zwischendurch wild rum. Was für ein Krach!!!!

Auf dem Bocca die a Battaglia im dichten Nebel. Die Gegend zeigt Spuren von Waldbrand vom Vorjahr. Karg und schön.

Ach ja, 15 Minuten später bringt sie ihm ein Hacksteak, offenbar fühlt sie sich doch etwas unwohl, oder sie hat bereits unbewußt das Unschuldsprinzip verinnerlicht, wenn auch nur ein bißchen. Wie das ganze ausgegangen ist, wissen wir leider nicht, aber ich bin sicher, daß es gut war für den Charakter.

Danach sind wir wieder die Küste runter gefahren, haben uns 'Les Calanche' angesehen, eine besonders zerklüftete Gegend zwischen Porto und Piana, an einem bemerkenswert großen, schönen und leeren Sandstrand ein bißchen im Golfe de Sagone gebadet, Ajaccio schnell durchquert und dann bei Propriano ein Hotel gefunden.

Dummerweise sind wir um kurz vor 12 nochmal raus, was trinken. Als wir wiederkamen, waren die Tür zu und alle Lichter im Hotel aus. Die Türklingel konnten wir gut hören, weil sie auf dem Empfangstresen direkt hinter der Tür klingelte, aber sonst hat die wohl niemand gehört, also haben wir mal wieder im Auto geschlafen.

Wir hatten alle Sachen im Hotel gelassen bis auf meine Carte Bleue, aber zum Glück kann man mein Auto auch einigermaßen gut ohne Schlüssel öffnen. Das Hotel hat am nächsten Morgen zwar auf das 'Bitte fragen Sie nach dem Code'-Schild hingewiesen, angesichts seiner praktisch-unauffälligen Plazierung aber auf jede Bezahlung großzügig verzichtet.

Montag

Von 7:30 (so früh bin ich ja lange nicht mehr unterwegs gewesen) bis mittags bin ich durch die Berge gekurvt und habe mich gar nicht sattsehen können, Cristel hat geschlafen.

Die Berge in Korsika haben es mir wirklich angetan. Erstens laufen überall Kühe, Schweine und Ziegen rum, zweitens ist das ganze Gebirge mehr oder weniger voller Wald, wie in 'Asterix auf Korsika', und drittens ist es einigermaßen schroff, deswegen hat man von der Straße aus immer wieder irre Aussicht auf eine völlig abgefahrene Landschaft (leider mit kleinen Fehlern: Die Korsen pflegen die gute alte Tradition, den Müll einfach irgendwo über die Kante zu kippen, also sieht man immer mal wieder irgendwo eine bunte Spur, die von einer Straße runter ins Tal führt, meist sehr steil. Wir dachten ja erst, das wären heimliche Müllkippen, aber einmal haben wir gesehen, wie der Müll von Evisa auf so einer Halde abgeladen, d.h. einfach von der Straße aus runtergeworfen wurde, am hellichten Vormittag. Ts...).

Mittags haben wir in einem Bergdorf Kaffee/Bier — Es gibt ein dunkles, korsisches Bier namens 'Pietra', das mir sehr gut gefallen hat. Es hat einen interessanten Nachgeschmack, der ein wenig an geräucherten Schinken erinnert. — zu uns genommen und ich habe mir selbst bewiesen, daß Statistiken nichts taugen: Wir saßen direkt an der Straße, wie üblich, und waren uns nicht sicher, ob die korsischen Autos auf mehr als die Hälfte aller Autos kommen, die meisten waren jedenfalls aus Deutschland.

Ich wollte also eine schnelle Verkehrszählung machen, und plötzlich waren von den 69 gezählten Autos 76% aus Korsika (43% Süden, 33% Norden), 20% von sonstwo und nur 4% aus Deutschland, ganze drei Motorräder, pah.

Wir fahren den ganzen Tag durch die Berge, sehen uns Corte an, die einzige Unistadt auf Korsika, dürfen nicht zu zwei Gletscherseen gehen, weil wegen der Waldbrände überall Baumumfall- und Erdrutschgefahr besteht und landen am Abend in Calacuccia im coolsten Hotel, das ich je gesehen habe.

Das 'Hotel des Touristes' in Calacuccia muß vor langer Zeit mal eine sehr, sehr gute Adresse gewesen sein, man sieht ihm noch eine gewisse Hochnäsigkeit an, aber nur der Aufteilung der Räume.

Das Hotel scheint ebenfalls von einer Familie geführt zu werden, zumindest sitzt der Vater des Chefs hinter dem Empfang auf einer Bank, neben sich ein Buch und seine Lesebrille, nur die Taschenuhr fehlt. So ganz passen die Zwei nicht ins Bild eines korsischen Dorfs.

Auf dem Bocca die a Battaglia im dichten Nebel. Die Gegend zeigt Spuren von Waldbrand vom Vorjahr. Karg und schön.

Das Hotel selbst ist vor allem kauzig, die Möbel sind alle verschieden, aber alle sehr stilvoll. Kein einziges Handtuch ist weiß, aber alle haben unterschiedliche Farben. Die Tagesdecke paßt ausnahmsweise zum Vorhang (eierschalenfarben mit kleinen Rosen drauf), und mein Bettvorleger ist olivgrün.

Natürlich hat das Bad eine Sitzwanne und ein Bidet.

Wer mal nach Calacuccia kommt, sollte unbedingt hier übernachten.

Ich bemerke einen Muskelkater im rechten Schienbein, ganz unten so 10cm oberhalb des Knöchels, der wohl vom vielen Fahren kommt, immerhin bin ich bisher etwas mehr als 40 Stunden gefahren, meistens so mit 40km/h oder knapp darunter. Ich finde das übrigens sehr entspannend und nicht sehr anstrengend. Nur könnten die Pedale in meinem Auto etwas niedriger sein, dann hätte ich auch bestimmt den Muskelkater nicht.

Dienstag

Mittags verlassen wir das 'Hotel des Touristes', um in der Nähe die 'Grotte des Anges' ('Engelsgrotte') zu suchen, die in unserer Karte eingezeichnet ist.

Um 12:30 brechen wir am Ende einer Straße, naja, auf jeden Fall brechen wir um 12:30 zu Fuß auf, laut Guide soll die Grotte etwa 40 Minuten Fußweg weit entfernt sein.

Zu Anfang laufen wir auf einer Piste, später dann im Wald an gelben, blauen und später auch noch roten Strichen und Steinhaufen vorbei, immer nach oben, denn da soll die Grotte irgendwo sein.

Nach eineinhalb Stunden kommen wir an einer Hütte an. Wir fragen drinnen nach der Grotte und werden von allen angeguckt, als wären wir der Yeti persönlich.

Hm... wahrscheinlich sieht man auf so einer Hütte nur sehr selten Leute in kurzer Hose, Hemd, Rock oder Badeschlappen... die anderen haben auch alle große Rucksäcke auf dem Rücken und tragen Wanderschuhe und teilweise Skistöcke, es ist auch schon etwas frisch...

Wieder runter folgen wir zuerst dem Bachbett, und dann nach einer Stunde noch eine weitere Stunde der Piste, bis wir völlig erschöpft wieder beim rettenden Auto ankommen. Wir haben beide unsere Schuhe zerstört, logisch.

Immerhin habe ich auf diese Weise ein kleines Stückchen den 'GR 20' verfolgt, den großen Wanderweg über die Gipfel von Korsika, und wir dürften auf annähernd 2000m hochgelaufen sein.

Den Rest des Tages fahren wir nach Osten, durch viele weitere Berge (angeblich ist Korsika im Schnitt über 500m hoch) und Bergdörfer, vorbei an Tieren und mitten durch zwei Ziegenherden und am Schluß noch eine der wenigen korsischen Landstraßen rauf, bis wir abends in Bastia ankommen und im erstbesten Hotel um 9 ins Bett fallen.

Mittwoch

In so einer Stadt kann man nicht lange schlafen, dafür ist es zu laut. Um 10 sehe ich also im Fernsehen, daß Toulon und Marseille von einem derben Unwetter heimgesucht wurden, in beiden Städten gab es Tote, einige wurden im Hafen von Marseille einfach weggespült.

Auf Korsika ist zwar der Wind etwas heftiger, aber sonst merken wir nichts von einem Unwetter.

Die anderthalb Stunden vor der Abfahrt sitzen wir mal wieder in einem Café und sehen uns die Leute um uns herum an. Korsisch ist wirklich recht nah an Italienisch, aber die meisten Leute (zumindest hier in Bastia) reden doch mehr oder weniger verständliches Französisch. Der Diskussion am Nachbartisch darüber, ob es eine gute Idee von SFR war, den 'am Abend und Wochenende umsonst telefonieren'-Tarif anzubieten, kann ich zumindest problemlos folgen.

Ich frage mich, was die Leute tun, die hier ab 11 eintrudeln, die Hälfte der anderen Gäste zu kennen scheinen, ein wenig trinken, viel reden, und dann nach einer Stunde wieder verschwinden. Einigen sieht man an, daß sie Mittagspause machen, aber eigentlich ist es dafür noch zu früh.

Wir machen Selfies, auf Film. Im Jahr 2000. Die absoluten Trendsetter!

Die Fähre fährt planmäßig um 2 ab und kommt ebenfalls nach Plan um halb 7 in Livorno an, nach einer etwas schaukeligen und kühlen Überfahrt, die ich zur Hälfte drinnen verbracht habe, trotz Seegang.

Später bekommen wir auf dem Weg in ein Ferienhaus bei Massa doch noch das Unwetter mit, ich darf eine halbe Stunde lang quasi im Fluß fahren, die Straßen stehen komplett etwa 5cm unter Wasser, man sieht gar nichts mehr und der Wind erinnert mich auch mehr an Norddeutschland. War wohl eine gute Idee, von Korsika rechtzeitig zu verschwinden...

Nach einer völlig absurden Piste treffen wir um 10 in absoluter Dunkelheit auf das Ferienhaus, in dem Gabi, Tim, Felix und seine Eltern schon gar nicht mehr mit uns rechnen. Wir trinken noch ein kleines bißchen und gehen dann schlafen.

Donnerstag

Die Marmorbrüche von Carrara sind angeblich die bekanntesten der Welt.

Ich kannte sie zwar nicht, aber beeindruckend sind sie. Man hat den Eindruck, hinter Carrara werde das ganze Gebirge kleingeschnitten und abtransportiert. Man sieht riesige Halden mit Steinen, man kann sogar zu den Brüchen hochfahren, ab und zu begegnet man einem Lastwagen mit einem Stein drauf, manchmal sogar mit mehreren, und um einen rum wird Marmor aus dem Berg gesägt und gesprengt.

So ein Marmorblock auf einem Lastwagen ist ein abgefahrener Anblick. Die Blöcke sind teilweise so um die 2x1x1m³ groß. Auf einem LKW sieht das nicht wirklich groß aus, aber man sieht sofort, daß es schwer sein muß. Die LKWs kriechen nur so durch die Gegend.

Es gibt ein Museum, in dem man sehen kann wie sich die Arbeit im Laufe der letzten 2000 Jahre verändert hat, sein Auto parkt man daneben auf einem Parkplatz mit Marmorleuchten und marmornen Begrenzungen und Sitzbänken, sehr interessant. Überhaupt liegt überall Marmor rum, von kleinen Steinchen bis hin zu tonnenschweren Felssplittern.

Wir stärken uns schnell bei McDonald's, neben einer Horde wahnsinnig kreischender Mädchen, die gerade einen Geburtstag feierten, nehmen wir an.

McDonald's mag ja eine amerikanische Erfindung sein, sie kommt aber dem durchschnittlichen deutschen Gemüt sehr entgegen.

Nehmen wir mal an, Familie Schmitt fährt nach Italien, Ferien machen. Mittags befällt die Familie ein kleiner Hunger, und jetzt stellt sich die Frage, wo man was essen soll. Die Antwort erscheint offensichtlich ("Pizzeria!"), ist es aber nicht:

Wenn ich aber bei McDonald's ein Big Mac Menü mit Cola Light und Pommes bestelle, dann wissen die erstens genau, was ich will, zweitens weiß ich genau, was mich erwartet, und drittens kann ich auch noch feststellen, daß 8.900 Lira ziemlich nah an den in Deutschland üblichen 7.99 sind, der Preis stimmt also.

Da ist man automatisch ganz beruhigt und kann ganz lässig seinen Big Mäc essen, und das ist doch schön. Die Pommes scheinen mir allerdings in Deutschland etwas besser zu sein, zumindest knuspriger und besser gesalzen...

Nach dem fürstlichen Mahl verabschieden wir uns von Gabi & Tim, nehmen die Autostrada und fahren mal eben nach Hause, in nur 3 Stunden inklusive Raststätte, ständig gejagt und gescheucht von nervösen Italienern, die hinter einem wie die Wilden aufblenden, blinken und hupen.

Ergebnis

Korsika ist toll. Falls irgendwer noch nicht da war, sollte er das nachholen, die Insel ist wirklich irre schön.

Ich glaube, für Motorradfahrer ist sie besonders gut, jedenfalls sind die Straßen voll mit Motorrädern, und im Gebirge macht das bestimmt auch Spaß, meint jedenfalls Cristel, und die sollte es wissen, sie hat nämlich eins.

Auch die italienische Küste zwischen Livorno und Frankreich hat mir gut gefallen, besonders in die Gegend zwischen Carrara und Firenze sollte ich nochmal fahren, so lange ich hier noch so nahe um die Ecke wohne.

Der September ist auch ein guter Monat für solche Touren, es ist noch sehr warm aber nicht mehr so voll. Den Reiseführern nach soll allerdings der Mai am besten geeignet sein, da ist die Insel noch grüner und alles blüht.

Wenn man so sieht, wie schön und warm die ganze Gegend ist, in der wir waren (und sind), dann versteht man auch, warum hier mehr oder weniger die Anfänge unserer Kultur liegen; man kann einfach besser denken und sich um Luxusdinge wie Zivilisation und Kultur kümmern, wenn man auf einem Hügel sitzt und den Wald gegenüber in der Sonne liegen sieht, dahinter vielleicht noch das Meer... kein Vergleich mit dem eher urtypischen 'trotz Kälte und Regen raus, was zu essen finden und fangen, bevor es wieder dunkel wird' im Norden...

Natürlich hat so ein nördlich-kräftiges Grün auch was, und ich mag auch den Norden sehr gerne (Im Winter um 4 rausgehen, es ist schon stockdunkel und eiskalt, besonders der Wind. Man zieht seine Mütze fester zu und steckt die Hände in die Taschen und geht dann die Straße runter, überall an den Seiten ist Licht im Fenster, die Straße glänzt, das hat was...), aber leichter lebt es sich hier wohl schon.

Tja, das waren meine Ferien für dieses Jahr. Mein Auto ist jetzt bei über 298000km, bis Hamburg werde ich die 300000km also noch vollmachen, und dann kann ich es in Ruhe abgeben, es hat seinen Dienst mehr als getan.

Schönen Herbst noch,
Jan

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