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Chinesen am Bürgerort

Ja hallo!

In der Schweiz muss man manchmal auf Formularen neben seinem "Heimatort" auch noch den "Bürgerort" angeben. Das hat was mit dem abgefahrenen Föderalismus hier zu tun, und mit Einbürgerung auch.

Was zum Teufel ist ein "Bürgerort"?

Der Bürgerort war früher[tm] quasi das, was für einen normalen Europäer das Heimatland ist. Man bekam seinen Bürgerort normalerweise vom Vater vererbt (es war nicht unbedingt der Geburtsort!), bzw. bei Hochzeit vom Mann. Der Bürgerort war dann innerhalb des Schweizer Bundes für seine Bürger zuständig, z.B. was Rente und Sozialleistungen angeht.

Natürlich gab es daher auch Orte, die als Bürgerort beliebter waren als andere, z.B. weil sie reich waren und sich gut um ihre Schäfchen kümmern konnten.

Heutzutage spielt das keine Rolle mehr, aber ein Überbleibsel der Geschichte, das vielleicht mal für mich relevant werden könnte: Wenn man hier eingebürgert werden möchte, dann passiert das in der Gemeinde, die dann eben auch Bürgerort ist.

Wenn jemand aus meiner Familie irgendwann mal lange genug da war und das tun möchte, dann würde sie oder eher von den Bürgern Oberwils akzeptiert werden müssen und wäre dann Oberwiler(in). Daraus ergäbe sich automatisch, dass sie oder er dann Bürger des Kantons Baselland wäre, und daraus wiederum die "Staatsbürgerschaft" in der Schweiz.

Im Vergleich mit anderen Ländern, die ich kenne, ist das ein komplett umgekehrter Ansatz. Bottom-up statt top-down. Finde ich eigentlich ziemlich sympathisch.

Wer als Nicht-Schweizer mal so ein Formular vorgelegt bekommt, schreibt bei "Bürgerort" einfach sein Heimatland hin.

Hier ist, was gutefrage.net und Wikipedia dazu zu sagen haben.

Fettnäpfchen

Ich bin manchmal etwas ungeschickt.

Bei Penelope Trunk habe ich vor langer Zeit mal den folgenden, tollen Tip aufgeschnappt: Wenn man mit Leuten spricht, die man nicht gut kennt, sollte man nach spätestens drei Wortmeldungen das Gespräch verlassen.

Die Idee dahinter: In drei Wortmeldungen hat man nur wenig Chancen, irgendwelchen inakzeptablen Mist zu reden, und sich dann noch tiefer reinzureiten.

Manchmal vergesse ich das, und dann passiert sowas wie am vorletzten Dienstag in Zürich.

Offizieller Anlass. Wir stehen zu viert im Kreis und unterhalten uns über Kulturen und die Schweiz. Eine Frau aus Indien erzählt uns eine lustige Anekdote von ihrem deutschen Ehemann, dessen Freundeskreis in Heidelberg der Meinung war, "geile Drecksau" zu einer Frau zu sagen sei ein Kompliment. Sie erzählt uns belustigt, dass das in Bremen bei anderen Freunden eher nicht so toll angekommen sei.

An der Stelle habe ich mich ein wenig aufgeregt, wie irgendwer auf die Idee kommen könnte, das könne jemals positiv sein. Und bevor ich gemerkt habe, dass es natürlich ihr Mann war, der das gesagt hatte, hatte ich schon proklamiert, zu so einer Person würde ich vielleicht alle sozialen Kontakte abbrechen.

Und jetzt redet sie nicht mehr mit mir. Kann man verstehen.

Luzern

Wenn man an einem neuen Ort wohnt, hat man eine gewisse Pflicht, sich die Umgebung genauer anzusehen, finde ich.

Die "Berge" in der Umgebung hatte ich bereits ganz am Anfang abgegrast, mit der Seilbahn in Wasserfallen sind wir schonmal gefahren, es war Zeit für etwas mehr Radius: Luzern soll schön sein.

Man kann dort ein wenig in der Stadt herumlaufen, ebenfalls auf einen Berg fahren, oder mit dem Boot auf dem See eine Tour machen. Letzteres haben wir auch getan, und man muss ja schon sagen, dass so Seen mit Bergen daneben etwas klassisch schönes haben.

Was uns alle fasziniert hat, war die wirklich bemerkenswert hohe Zahl von Touristen aus China. Das sind so viele, dass viele Geschäfte im Zentrum Hinweise in chinesischen Schriftzeichen im Fenster haben, wohlgemerkt nicht in Englisch, Französisch, Spanisch oder sonst einer Sprache!

Die Frauen einer besonders heiteren Reisegruppe wollten mehrfach Selfies mit unseren Kindern machen, was wir schon komisch fanden, und natürlich nicht so toll.

Daraus folgt eine Marktlücke: T-Shirts für Kinder mit Aufdruck in Chinesisch: "Fotografier' mich nicht!"

"Tradition"

Ich habe noch nie so oft die Wörter "Tradition" und "traditionell" benutzt wie seit dem Umzug hierher in die Schweiz.

Das liegt vermutlich daran, dass man hinter diesen Worten ein paar andere, weniger schmeichelhafte Wörter verstecken kann, und zwar sehr gut.

Beispiele für andere Wörter? Gerne:

"altmodisch", "rückständig", "rassistisch", "frauenfeindlich", "langsam", "hinterher", "altbacken"

Im UK wird viel darüber schwadroniert, wie political correctness das Leben vermiest. Generell ist die Kultur dort sehr viel vorsichtiger als im deutschsprachigen Raum, würde ich sagen.

Ich erlebe immer wieder bei der Arbeit Situationen, wo jemand im Flur Witze macht, bei der eine Frau im UK vermutlich HR einschalten würde. Das ist wirklich im Kontrast stark zu spüren.

Und mit Rassismus geht die Schweiz so offen um, dass man es fast "erfrischend" nenne könnte, wenn's nicht scheisse wär'.

Der alte Scherz, dass wenn irgendwo 3 Autos im Parkverbot stehen und eins davon nicht von hier ist, dass dann genau ein Auto einen Strafzettel bekommt, ist nicht wirklich ein Scherz.

Den Umstieg von unserem im UK angemeldeten Auto auf eines mit Kennzeichen BL haben wir z.B. unter anderem daran bemerkt, dass wir nicht mehr andauernd von Polizei und Grenzwache angehalten und "Was machen Sie hier?" gefragt werden.

Ich will gar nicht behaupten, Kultur im UK wäre grundsätzlich besser. Nur was das Zwischenmenschliche angeht, sind sie der Schweiz um mehrere Jahrzehnte voraus, insofern benutze ich "traditionell" hier recht häufig.

Ich sollte vermutlich nur aufhören, immer Anführungszeichen in die Luft zu malen, wenn ich es sage.

Zeiten

Ich hoffe, Ihr verzeiht mir die unregelmässige Postingfrequenz hier, und die in letzter Zeit sehr seltenen Updates.

Mit 4 Kindern hat man wirklich nicht mehr viel Zeit oder Energie.

Über das gute alte Gerücht, Kinder würden ab einer bestimmten Anzahl dann wieder etwas einfacher werden — ich habe was von 5 im Kopf — haben mich schon 2008 meine Kollegen in Utah ausgelacht; "nope, it only gets harder!"

In diesem Sinne heute ein kurzer Beitrag. Wünsche noch einen schönen Tag!

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